Schein und Sein
Niemand kann den König spielen», lautet eine alte Theaterweisheit, das müssen die anderen tun. Sie gilt erst recht für den Hochstapler, auf der Bühne wie im wahren Leben. Also sitzt er in der Prager Staatsoper an einem Wirtshaustischlein, die Hose etwas zu hoch sitzend, aber durchaus elegant (schließlich ist er Schneider), die Füße leicht nach außen gestellt wie Charlie Chaplins Tramp.
Mampft staunend mit vollen Händen ein unerwartet gutes Essen, während er bestaunt wird von den Litumleis, Häberleins, Pütschli-Nievergelts, dem Amtsrat und seiner Tochter Nettchen, der ganzen sogenannten besseren Gesellschaft des kleinen Goldach. Aus Wenzel Strapinski ist der Graf Strapinski geworden. Denn «Kleider machen Leute», das sagt schon der Titel von Alexander Zemlinskys Musikalischer Komödie, die 1922 im gleichen Haus, dem damaligen Neuen deutschen Theater, in ihrer zweiten Fassung zur Uraufführung gekommen war. Dass Strapinski ein Hochstapler wider Willen ist, erst durch die Eitelkeit der anderen ins falsche Leben gedrängt wird, macht den besonderen Reiz schon der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller aus. «Ich bin verhext!», staunt der Tenor Joseph Dennis, als ihm die Goldacher ihre ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Michael Stallknecht
Wer Barcelona für eine Stadt in Spanien hält, der weiß spätestens nach einem Besuch dort, dass dies nicht ganz richtig ist: Barcelona liegt in Katalonien – und dieser Umstand kommt vor allem in Sachen Kultur zum Ausdruck. Dies mag aus deutschen Landen stammende Menschen vielleicht eher befremden, denn mit Termini wie «Nationalstolz» oder «Volksheld» haben wir aus...
Genieflammen zucken da und dort […] Wenn Mozart nicht eine im Gewächshaus getriebene Pflanze ist, so muss er einer der größten Komponisten werden, die jemals gelebt haben.» Dies prophezeite der streitbare, selbst komponierende Journalist und Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart 1775 in seiner «Deutschen Chronik» nach der Münchner Uraufführung von Mozarts «La...
Eine verschleierte Frau auf die Bühne zu bringen, birgt gewisse Gefahren. Das Motiv ist derzeit stark konnotiert, der Vorwurf der Islamophobie liegt allzu nahe. Zwar lässt sich die «verhüllte» Königin der Nacht noch unter altägyptischem Mummenschanz verstecken, den es freimaurerisch zu entrümpeln gilt, auch Salomes sieben Schleier sind als erotisches Accessoire...
