Feinste Arbeit
Wenn im vierten Akt der «Morgiane» die Heldinnen und Helden sich im Kerker des Sultans von Isfahan wiederfinden, gelingen dem Komponisten Momente von hoher Dichte und Intensität. Kourouschah hatte die junge Amine bei ihrer Hochzeitsfeier im ersten Akt gewaltsam entführen lassen, um sie nach Despotenart zu seiner Frau zu machen – nicht wissend, dass es sich um seine und einer ehemaligen Favoritin Tochter handelt. Die Mutter Morgiane, der Stiefvater und der Bräutigam machten sich sogleich auf den Weg der Rache und Befreiung, der trotz mancher List scheitert.
Wenn sie jetzt dem sicheren Tod entgegensehen, öffnet sich ihnen, wie im fünften Akt der «Hugenotten», ein ekstatischer Blick ins Paradies. Edmond Dédé schreibt hier einen luziden A-capella-Satz, nachdem er den Akt mit einem komprimierten, mit Hörnern delikat instrumentierten Trauermarsch aus der Tradition der Revolutionsmusiken eingeleitet hatte. Und wenn die Mutter verzweifelt den letzten Trumpf zieht und dem Sultan ihren alten Hochzeitsring präsentiert, dann erfindet Dédé dazu ein elegisches, von Streicherpizzicati begleitetes Hornsolo: alles feinste Arbeit. Das Sujet war im Entstehungsjahr 1887 hoffnungslos veraltet. Die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2026
Rubrik: Medien, Seite 38
von Klaus Heinrich Kohrs
Siegfried, Bergfried, Gottfried oder Wahnfried – das klingt nach germanischem Musikdrama, nach bürgerlichem Ernst, Leitmotivik und Sitzfleisch. Genauso knietief in der Nationalromantik steckt «Zornfried», der 2019 erschienene Roman von Jörg-Uwe Albig, den Philipp Krebs nun als großes Musiktheater für das Staatstheater Kassel komponiert hat. Die Geschichte beginnt...
Beginnen wir mit einer persönlichen Erinnerung – einer Begebenheit, die sich vor mehr als 25 Jahren zutrug. Es war Frühling in Buenos Aires. Die Jacaranda-Bäume am Rande der belebten Plazas blühten, auf den vierspurigen Avenidas küssten sich die Stoßstangen, und in den U-Bahnen stand man so hauteng beieinander, dass es schier unmöglich war, sich nicht in...
Nicht nur Afrika ist auf der Weltkarte der klassischen Musik eine terra incognita. Es wimmelt nur so von dunklen Zonen, unzähligen Orten und Ländern, die rein gar nichts von Bedeutung hervorgebracht zu haben scheinen. Oder bestenfalls einen bekannten Namen, ein populäres Stück. Verglichen mit Australien, Japan, Nahost und Afrika hat es Südamerika noch recht gut...
