Fein dosiert

Georg Nigl besticht auf seinem Album «Vanitas» mit Liedern von Beethoven, Schubert und Rihm durch wunderbare mezza-voce-Kultur und leise Eindringlichkeit, darin zart­fühlend von der Pianistin Olga Pashchenko unterstützt

Gedacht waren die drei Gedichte als Trost. Als Hinweis an den Freund, hier habe doch ein Mensch vor knapp 400 Jahren das in Worte gefasst, was Wolfgang Rihm, den schwer Erkrankten, gerade bewegte. Mag bei Bariton Georg Nigl keine Absicht dahinter gesteckt haben, doch wer einem Komponisten Texte schickt, muss mit Vertonung rechnen. In diesem Fall wurde es ein 20-minütiger Liedzyklus, mit dem sich Rihm gleichsam ins Leben zurückkomponierte und den er, natürlich, Nigl widmete.

Rihms «Vermischter Traum», Lebensrandreflexionen auf die Lyrik von Andreas Gryphius und uraufgeführt im Herbst 2019, steht in der Tradition von Martins «Jedermann-Monologen» und Brahms’ «Vier ernsten Gesängen». Was die Lieder nicht bieten: ungefilterte Schmerzensgestik, ein Herausschreien von Verunsicherung, Angst und Leid. Viel hat das zu tun mit Georg Nigl selbst, wie man auf der CD «Vanitas» hören kann. Immer wieder werden Phrasen abgefangen ins Leise, Nachdenkliche. Nur im Zentrallied «Andante» (Rihm nahm mehrere Vortragsbezeichnungen als Titel) scheint sich das lyrische Ich mit dem Klavierpart hochzuschaukeln und an Selbstgewissheit zu gewinnen. Ein Aufbäumen, eine Vehemenz, die jedoch nie ungebrochener ...

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Opernwelt Februar 2021
Rubrik: CD des Monats, Seite 27
von Markus Thiel

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