Editorial Februar 2021

Ach, was war das für eine Szene: herrlich! Lang ist’s her, aber unvergessen. Ein Abend im Vorfrühling 1994, die Premiere von Brechts Lehrstück «Der gute Mensch von Sezuan» an der Berliner Volksbühne. Als der Vorhang hochging, sahen wir da nur ein einsames, auf einer Stange drapiertes Mikrofon. Und dann, eine gefühlte Ewigkeit später, stand die Schauspielerin Isabella Parkinson als Shen Te im Badeanzug an diesem Mikrofon und hauchte verführerisch immer wieder das gleiche Wort in den Saal: «Kaufen, kaufen, kaufen ...

» Was weiland als Allegorie überzeugte, ist von der Realität längst überholt worden. Tausende von privaten Homeshopping-Kanälen überfluten unsere Zivilisation mit ihren Produkten; koste es, was es solle. Vom Siegelring bis zur Salatschüssel, vom Brillantcollier bis zum Badesalz, von der Veloursledercouch bis zu Vaseline gibt es so gut wie nichts, das in dieser glückverheißenden Warenwelt nicht veräußert würde. Und stets tauchen die sozialen Akteure in das künstliche Universum ein, kaum gewahr werdend, dass ihre Erfahrung dessen, was sie für Realität halten, davon in höchstem Maße abhängt.

Auf einem dieser Homeshopping-Kanäle kam es kurz vor dem Weihnachtsfest in einem ...

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Opernwelt Februar 2021
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

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