Falsche Scham

Pavol Breslik und Robert Pechanec vitalisieren Leoš Janáčeks «Tagebuch eines Verschollenen»

Abhauen. Sagen, man ginge bloß mal um die Ecke, Zigaretten holen. Und nicht mehr heimkommen. Weg. Irgendwohin. Die Zurückgebliebenen würden später mit Glück ein paar Zettel finden mit bruchstückhaften Begründungen, eine Art Tagebuch, voll vom Schwanken zwischen Zweifel und Hoffnung, voller Skrupel und einem plötzlichen Entschluss. Und vielleicht stünde da etwas von einer jungen Geliebten. Vielleicht auch nicht.

Zahlreiche Männer mögen in ihren Wachträumen solche Situationen imaginieren – womöglich auch Leoš Janáček, als er im Sommer 1917, selbst über 60, die 25-jährige Kamila Stösslová lieben lernte. Der Johannistrieb des Komponisten lebte sich freilich virtuell aus, die Beziehung blieb vor allem postalischer Natur. Liebe mit gezücktem Brieföffner sozusagen.

Kamila, die Muse, zum Ideal verklärt, verlockte indes nicht zur realen Flucht. Stattdessen öffnete sie dem Komponisten die viel reicheren Räume der Fantasie. Denn die Beziehung des jungen Bauern Jan zum Zigeunermädchen Zefka unterscheidet sich deutlich von jener Janáčeks zu Kamila. Verzehrende Scham bestimmt letztlich das Verschwinden des Burschen, und die rührt nicht etwa vom Bewusstsein her, gegenüber der verführerischen ...

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Opernwelt Februar 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 29
von Gerhard Persché

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