Es war die beste Zeit
Das Vorwort ist ein Gedicht. Kraftvoll, wortmächtig, poetisch aufgeladen. Geschrieben hat es ein Mitstreiter aus guten, alten Zeiten, der (hochbegabte) Schauspieler und (nicht ganz so begabte) Regisseur Sven-Eric Bechtolf. Und mag er Jürgen Flimm, diesem großen, am 4. Februar 2023 verstorbenen (Musik-)Theatermann, auch einen schmucken Lorbeerkranz ums Haupt winden, scheut Bechtolf vor der ganzen Wahrheit keineswegs zurück. «Du warst ein Feudalherr von legendärer Launenhaftigkeit.
Jähzornig, autoritär, ungerecht, unverschämt: und – fantastisch! Der beste Intendant, der sich denken lässt! Denn Du warst zugleich hilfsbereit, großzügig, angefasst, beteiligt, kraftvoll, neugierig, fähig, konstruktiv, anerkennend, erfinderisch, ruhelos, umtriebig, humorvoll und bei alledem künstlerisch eine echte Instanz».
Wer Jürgen Flimm kannte, ihn selbst, seine Arbeiten, kommt nicht umhin, all diese Attribute zu unterschreiben. Eines indes fehlt: die enorme schriftstellerische Begabung, die dem gebürtigen Kölner innewohnte, seine Neigung zum frei flottierenden Fabulieren, zur zugespitzten Sottise, zum (selbst-)ironischen Kommentar. Liest man nun seine Erinnerungen, bei deren Titel «Mit Herz und Mund und Tat und Leben» Johann Sebastian Bach Pate gestanden hat, tritt das erneut deutlich zutage. Flimm weiß zu erzählen wie ein Märchenonkel, er weiß, mit welchen Mitteln er die Leserin, den Leser in seinen Bann zu ziehen und, mehr noch, wie er ihm von Zeit zu Zeit ein mildes Lächeln ins Gesicht zu zaubern vermag.
Allein der Prolog ist feinste Literatur. Flimm erinnert sich hier an seine Oma Elsbeth, «die beste Großmutter der westlichen Welt», und er tut es mit einem derart liebevollen, augenzwinkernden Blick, dass man beinahe geneigt ist, dieser unbekannten Frau ein Denkmal zu setzen. Mit ihr verbindet Flimm die wegweisenden Erfahrungen, die er als Junge im Konzertsaal erlebte, seine tiefsitzende Liebe zur Musik von Johann Sebastian Bach. Dessen «Matthäus-Passion» wird für ihn nicht nur zum künstlerisch-menschlichen Initiationserlebnis, sie weckt zugleich auch die Lust, selbst schöpferisch tätig zu werden. Welch ein Wink des Schicksals, dass ihn sein alter Herr, der «Dr. Flimm», als Theaterarzt frühzeitig in jene heiligen dunklen Hallen mitnimmt, die bald schon seine Heimat werden.
Das Theater fasziniert den jungen Mann rasch so sehr, dass er weder auf den Vater der, wenig Wunder, zu einem Medizinstudium rät, noch auf die Mutter (sie plädiert für den Pastorenberuf) hört, sondern auf seinen Bruder Dieter, der später Bühnenbildner wird. Das Theater also soll es sein. Der Weg dorthin führt zunächst über die Universität: Bei den Germanisten findet er die entsprechende Theaterliteratur, bei den Soziologen studiert er das Phänomen der «Massenkommunikation», bei den Theaterwissenschaftlern holt er sich das nötige dramaturgische Futter. Doch schon bald zieht es Flimm zu den Brettern selbst, die mehr als nur die eine Welt bedeuten können, wenn die richtigen Persönlichkeiten sie bevölkern. Er gründet ein Puppentheater (das «Kasperletheater Jürgen»), lässt sich zum Schauspieler ausbilden und wird kurz darauf Regisseur, Dramaturg und Schauspieler des Theaters am Dom zu Köln – «mit einer unglaublichen Gage von 400 DM, jeden Monat!». Stolz wie ein Schneekönig ist der junge Flimm und weicht nun nicht mehr vom eingeschlagenen Weg ab.
Seine Theaterstationen sind bekannt: Von Köln geht es nach München, von dort nach Zürich, dann nach Mannheim, erneut nach München – bis eines Tages, man schreibt das Jahr 1985, das Thalia Theater anruft. Die nächsten 15 Jahre sind die wohl glücklichsten in einem langen Theaterleben, nicht nur der eigenen inszenatorischen Erfolge wegen. Hamburg liebt sein Thalia Theater und dessen Intendanten, und der liebt Hamburg. Es dürfte kein Zufall sein, dass Flimm später neben der Berliner Wohnung und dem Ferienhaus in Umbrien ein altes Gestüt eine Zugstunde nördlich der Elbmetropole kauft und dort seinen Lebensabend verbringt.
Jede gute Theaterzeit geht einmal zu Ende. Auch für Flimm. Und mochte Hamburg sein Glückskeks gewesen sein (und die Ruhrtriennale danach wie ein Sahnebaiser), schmeckten die Jahre an der Salzach (zunächst als Schauspielchef, dann als Festspiele-Intendant) wie ein vergifteter Pilz. Und hier kann sich auch der «Menschenkenner von nachsichtiger, aber illusionsloser Diesseitigkeit» (Bechtolf) nicht mehr zurückhalten. Das Kapitel über sein Wirken im Fegefeuer von Salzburg ist eine klare, zutiefst unironische Abrechnung mit der dortigen Vetterleswirtschaft im Allgemeinen und mit dem gegenwärtigen Intendanten Markus Hinterhäuser.
Diesen Salzburger Schmerz, der selbst durch seine erfolgreichen acht Jahre als inszenierender Intendant der Berliner Staatsoper kaum gemildert werden konnte, musste er anscheinend journalistisch-literarisch verarbeiten. Das tut aber dem Gesamteindruck dieses ungemein lebendigen, in Teilen urkomischen Buchs keinen Abbruch. Man liest es in einem Zug durch und spürt auf eigentlich jeder Seite die große Kunstliebe dieses Mannes, dessen Lieblingssatz aus Brechts «Im Dickicht der Städte» stammte: «Das Chaos ist aufgebraucht, es war die beste Zeit!»
JÜRGEN FLIMM: MIT HERZ UND MUND UND TAT UND LEBEN
Erinnerungen Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024. 352 Seiten; 26,00 Euro
Opernwelt März 2024
Rubrik: Medien, Seite 31
von Jürgen Otten
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