Eros und Gewalt
m Schluss der neunzigminütigen Aufführung stolperte Hans Neuenfels wie ein großes Kind auf die Bühne des Basler Theaters: als wollte und könnte er die Begeisterung des Publikums nicht recht begreifen. Das Ritual, das sonst allerorten die Premieren beherrscht – Beifall für die Solisten und den Dirigenten, Buhs für das Regieteam – war an diesem Abend außer Kraft gesetzt. So konzentriert auf den inneren Ton der Musik hörend, so bedingungslos der atemlos abrollenden Dramaturgie eines Stücks dienend hat man Neuenfels lange nicht mehr erlebt.
Da war alles weggewischt, was viele seiner Arbeiten fürs Musiktheater in den letzten Jahren oft beschädigte und Kritiker wie Publikum ratlos machte: die überstürzte Bilderflut, die verrätselte Privatmythologie, die spiegelnde Verdoppelung der Figuren, nicht zuletzt die zusätzliche Schauspielertruppe, die neben und am Stück vorbei eine andere Geschichte erzählt. Der antike Amazonen-Stoff, seine romantische Radikalisierung durch Heinrich von Kleist und deren musikalische Brechung durch Othmar Schoeck scheint für Neuenfels eine solche Herausforderung gewesen zu sein, dass er sich bedingungslos auf das Werk einließ.
Schoecks 1927 uraufgeführte ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«It contains nudity», warnt das Cover auf der DVD-Ersteinspielung der fragmentarisch überlieferten Vivaldi-Oper «Ercole su’l Termodonte». Tatsächlich ließ der amerikanische Bühnenbildner/Regisseur John Pascoe den attraktiven, wenn auch keineswegs herkulischen Titelhelden der Ausgrabung beim Spoleto-Festival (siehe OW 9-10/2006) antik auftreten: nackt mit...
Taugt das Metier der Oper als Mahnmal? Die Initiatoren der Uraufführung «Dunkelrot» bestreiten energisch, dass es ihnen mehr um ein gesellschaftspolitisches Signal als um die innere Dynamik des Musiktheaters ging. Ein riskanter Versuch war es allemal, den das Nürnberger Staatstheater im Dienste der als «Stadt der Menschenrechte» alle zwei Jahre an die...
Oper im Fernsehen – das ist eine Herausforderung der besonderen Art. Aber auch ein Erlebnis der besonderen Art. Der Zuschauer im Parkett oder auf dem Rang sieht anders als Kameras, die zum Beispiel ein herangezoomtes Gesicht als schillernde Gefühlslandschaft zeigen können. Das Ohr im Saal hört anders als Mikrofone, mit denen sich das Wechselspiel von Stimmen und...
