Erkenntnis und Geschichte

Georg Philipp Telemanns «Miriways» mit der Berliner Akademie für Alte Musik, Leonardo Vincis «Gismondo, Re di Polonia» mit dem polnischen {oh!} Orkiestra Historyczna

Als im Jahr 1722 der afghanische Stammesfürst Mir Mahmud Hotaki die persische Hauptstadt Isfahan eroberte und den Schah stürzte, da war das Thema auch in Hamburger Zeitungen. Die Ereignisse faszinierten offensichtlich so sehr, dass nahezu in Echtzeit ein Roman erschien, aus dem schon sechs Jahre später Georg Philipp Telemann eine Oper für das Haus am Gänsemarkt machte. Tagesaktuelle Sujets sind selten in der Oper, zumal in der barocken, die sich meist dem griechisch-römischen Stoffkreis widmet.

Telemanns «Miriways», bereits 2012 in Magdeburg szenisch realisiert und nun in einer Neuaufnahme vom Hamburger Telemann-Festival 2017 dokumentiert, geht es denn auch nicht um historische Korrektheit im Sinne des späteren Historismus, was man schon daran ablesen kann, dass die Oper wie der Roman den in der Realität ziemlich grausamen Warlord mit seinem eigenen Vater Mir Wais Hotak verwechselte. Miriways (sprich: Mi-ri-waïs) wird darin ganz im Sinne einer Geschichte als Lehrmeisterin vor allem der Fürsten zum gerechten Herrscher, der die (Heirats-)Diplomatie dem Krieg vorzieht. «Nimm in allen deinen Taten die Vernunft zum Führer an», lehrt er Sophi, den Sohn des abgesetzten Schahs, dem er ...

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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Michael Stallknecht