Erkenntnis und Geschichte
Als im Jahr 1722 der afghanische Stammesfürst Mir Mahmud Hotaki die persische Hauptstadt Isfahan eroberte und den Schah stürzte, da war das Thema auch in Hamburger Zeitungen. Die Ereignisse faszinierten offensichtlich so sehr, dass nahezu in Echtzeit ein Roman erschien, aus dem schon sechs Jahre später Georg Philipp Telemann eine Oper für das Haus am Gänsemarkt machte. Tagesaktuelle Sujets sind selten in der Oper, zumal in der barocken, die sich meist dem griechisch-römischen Stoffkreis widmet.
Telemanns «Miriways», bereits 2012 in Magdeburg szenisch realisiert und nun in einer Neuaufnahme vom Hamburger Telemann-Festival 2017 dokumentiert, geht es denn auch nicht um historische Korrektheit im Sinne des späteren Historismus, was man schon daran ablesen kann, dass die Oper wie der Roman den in der Realität ziemlich grausamen Warlord mit seinem eigenen Vater Mir Wais Hotak verwechselte. Miriways (sprich: Mi-ri-waïs) wird darin ganz im Sinne einer Geschichte als Lehrmeisterin vor allem der Fürsten zum gerechten Herrscher, der die (Heirats-)Diplomatie dem Krieg vorzieht. «Nimm in allen deinen Taten die Vernunft zum Führer an», lehrt er Sophi, den Sohn des abgesetzten Schahs, dem er ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Michael Stallknecht
Zum Auftakt möchte ich den Soziologen Bruno Latour zitieren mit einem Statement, das er im März 2020 veröffentlicht hatte: «Wir müssen gerade jetzt dafür kämpfen, dass die wirtschaftliche Erholung nach der Krise das alte Klimaregime nicht wiederherstellt, gegen das wir bisher vergeblich gekämpft haben. Die Gesundheitskrise ist in etwas eingebettet, das keine Krise...
Ein Interruptus, den sich Puccini anders vorgestellt hat. Statt Tosca das Messer zücken zu lassen, um Scarpias Fast-Vergewaltigung zu beenden, schneit Freddy mit einem Song auf den Lippen herein. Und das auch noch aus einem anderen Stück, der Muntermacher stammt aus «My Fair Lady». Ein paarmal passiert so etwas an den beiden Abenden. Eben noch umschmeichelt Ortrud...
Wie alle freischaffenden Musiker bin auch ich durch den Corona-Ausnahmezustand heftig mit meinem Beruf als Sängerin zeitgenössischer Musik konfrontiert worden. Bisher habe ich ihn immer als Berufung empfunden. Ungeliebte Lücken im Kalender gab es ja schon öfter, aber ein Berufsverbot auf unbestimmte Zeit war nie einkalkuliert.
Aus voller Fahrt ausgebremst, stellte...
