Zeichen und Wunder

Festspiele als Lebenselixier: Salzburg trotzt mutig wägend der Viruskrise – nicht nur mit grandiosen Produktionen von Strauss’ «Elektra» und Mozarts «Così fan tutte»

Ganz allein sitzt er da. Einen Tisch, ein Glas Wasser, ein paar fliegende Notizen, den Laptop (sein elektronisches Archiv), eine Leinwand über dem Kopf – mehr braucht Alexander Kluge nicht, um in dem noch abgedunkelten «Elektra»-Raum ein komplettes Zentennium in Schwingung zu versetzen. Ach was, Millennien durchmisst er binnen einer guten Stunde – und die kosmische Zeit von Sonne, Mond und Sternen dazu.

Georg Baselitz, der Großmaler, mit dem er gerade ein Buch herausgebracht hat («Parsifal Kontainer») und eigentlich hier, in der Felsenreitschule, die für das Corona-Not-Programm der Salzburger Festspiele aufgelegte Reihe «Reden über das Jahrhundert» eröffnen sollte, ist nicht gekommen. So macht Kluge es eben allein. Auf die 90 geht dieser virtuose Assoziationskünstler inzwischen zu! Als er 1932 in Halberstadt zur Welt kam, stand das von Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss als völkerverbindendes Friedensprojekt begründete Festival erst im zwölften Jahr.

Die Verheerungen des Ersten Weltkriegs, der Untergang der alten Reiche steckten Europa noch in den Knochen. Auch die Erinnerung an die Millionen Opfer der Influenza-Pandemie, die zwischen 1918 und 1920 unter dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Auf Pans Spuren

Was das Horn für die deutsche Romantik, war die Flöte für die französische Musik des frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Klänge erinnern an die Hirtenflöte des Rokoko, evozieren aber auch die Töne des antiken Pan wie orientalische Parfüms. Wenn sich die Arabesken des Instruments und das gesungene Wort vermählen, entsteht eine Überlagerung voll herber Poesie – eine...

Die Wellen des Raumes

Nachdem der fragwürdige Staatsrechtler Carl Schmitt im Alter seiner Paranoia verfallen war, äußerte er zu einem Bekannten, er müsse seinen berühmten Satz «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet», den er nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben habe, korrigieren. Nun sage er stattdessen: «Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.»

Das klingt...

Die Intelligenz der Gefühle

Gleich drei Ausstellungen hat Alexander Kluge in den vergangenen Monaten der Oper gewidmet: an seinem Geburtsort Halberstadt, in Ulm, wo er an der Hochschule für Gestaltung gemeinsam mit Edgar Reitz die Abteilung für Filmgestaltung leitete, und in Stuttgart, wo er bis in die Gegenwart hinein die Entstehung von Inszenierungen verfolgt. Die 400-jährige Geschichte der...