Eklektizismus nach dem Lustprinzip
Pierre Boulez bezeichnete einmal die Vertonung von Gedichten als «Lektüre mit Musik». Das war durchaus polemisch gemeint, und dahinter steckte eine Frage: Wen interessiert es überhaupt, wenn ein Komponist seine Klänge über einen Text gießt, der ohnedies vollendet ist und seine eigene Wort-Musik macht? Zwischen Kopie, Verfälschung und Innovation sind da viele «Lektüre-Ergebnisse» möglich; das Gleiche gilt für die Vertonung von Schauspielen. Sie gelingen meist dann, wenn sich die Musik selbst behauptet, wie bei Strauss’ «Salome» oder Bergs «Wozzeck».
Auch die Musik des als britisches Junggenie hoch gehandelten Thomas Adès kann sich behaupten, was angesichts des «Sturm» einiges heißt. Sie behauptet sich nicht gegen Shakespeare, sondern quasi neben ihm: Da, wo Adès sich wenig um eine Ikone schert, sondern frech seine Klangassoziationen ausspielt, bleibt das Stück im Gedächtnis. Dazu gehört das aberwitzig schwere Lamento des Ariel, das Adès der aberwitzig virtuosen Koloratursopranistin Cyndia Sieden in die Kehle geschrieben hat: ein quasi akkordischer Satz, choralartig in sich ruhend auf gläsernen Klängen, durchzuckt von riesigen Intervallsprüngen. Überhaupt sind Lamenti eine Stärke des ...
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Mit seinen Opern verfuhr Georg Friedrich Händel pragmatisch: Wenn für eine Wiederaufnahme die Sängerbesetzung gewechselt hatte, zögerte er nicht, das ganze Werk auf deren Stärken und Schwächen hin neu zuzuschneiden. Zwölf neue Arien schrieb er, als seine erste Londoner Seria «Radamisto» Ende Dezember 1720, nur ein halbes Jahr nach der umjubelten Premiere, wieder...
Was verbindet Franz Schmidts Romantische Oper in zwei Aufzügen «Notre Dame» mit, sagen wir, Ponchiellis «La Gioconda»? Nicht viel – außer der Tatsache, dass beide Werke trotz einiger Popularität ihr Dasein vergleichsweise unbeachtet in den Nischen des Repertoires fristen, Schmidts Opus womöglich noch unauffälliger als jenes Ponchiellis. Denn populär wurden beide...
Type Casting in der Oper ist ein heikles Thema und dürfte eigentlich keine Rolle spielen, doch dieses Stück bildet eine Ausnahme: Wenigstens ansatzweise glaubwürdig sollte ein Roméo sein. Ramon Vargas ist das nicht. Naiv lächelnd und mit dem unwiderstehlichen Charme eines Baby-Elefanten tappst der über die Bretter. Von Schwärmerei, Liebesrausch, Verzweiflung keine...
