Eislaufvaters Macht

Patriarchat und Freiheit der Lust: Hamburg zeigt Michail Glinkas Märchenoper «Ruslan und Ljudmila» als Erzählung aus dem jüngeren Russland. Doch wie relevant ist das für uns?

Opernwelt - Logo

Es dauert lange, bis in dieser Inszenierung ein sprechendes Bild auf der Bühne zu sehen ist, eines, in dem Musik und Darstellung zu geglückter Ergänzung finden. Im vierten Akt erscheint ein Geiger im Frack in der traurigen U-Bahn-Unterwelt, in der sich «Ruslan und Ljudmila» in Hamburg meist zuträgt, und macht Straßenmusik.

Aber was für eine: Das weit ausgreifende Violinsolo, das Ljudmilas Arie der Hoffnungslosigkeit begleitet (niemals wieder, denkt sie, würde sie aus dem Reich des bösen Zauberers Tschernomor befreit werden, der sie von der Hochzeit weg entführt hatte), erzählt von tiefer Traurigkeit, von bitterem Hadern (immer wieder kehrt die Melodie zum dramatischen Klang der tiefen G-Saite zurück), aber auch von Trost, der sich aus der hinreißenden Schönheit dieser Musik ergibt. Für einen Moment steht alles still in der schmutzigen, graffiti-beschmierten U-Bahn-Station, der Geiger mit Frack (Konradin Seitzer, 1. Konzertmeister des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, spielt es mit anrührender Eindringlichkeit) steht da wie der Bote aus einer anderen, glänzenden Welt. Aus dem Aufeinanderprallen der Gegensätze ergibt sich eine Aussage, die Musik erhält einen Raum, in dem sie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Clemens Haustein

Weitere Beiträge
Hier und heute

Warum besetzt man die Rolle der Cleopatra in Händels «Giulio Cesare in Egitto» mit einem männlichen Sänger? Wir sind doch nicht in Rom des 17. Jahrhunderts, wo Frauen auf der Bühne verboten waren und ab und zu Kastraten in ihre Rollen schlüpften. Doch es fügte sich offenbar, dass mit Dennis Orellana einer der besten Sopranisten unserer Zeit zur Verfügung stand. Er...

Freiheit und Freiheitsliebe

Ein Blick in den Werkkatalog Jean-Philippe Rameaus zeigt die enorme Vielfalt seiner Arbeiten für das Musiktheater. Neben abendfüllenden Tragédies en musique, Balletten, Divertissements und Pastoralen stehen mehrere Einakter unterschiedlichster Art. Das bekannteste und schon zu Lebzeiten des Komponisten erfolgreichste Werk dieser Art ist der Acte de ballet «Pygmalio...

Das Leben selbst

In der ersten Pause dieses fünfstündigen Abends suchen einige Besucher das Weite. Das ist durchaus verständlich, vor allem, wenn man ganz unvorbereitet in die Aufführung geht: Eine Frau sitzt auf einem Leuchtturm und gebiert ein Kind. Und später noch eines. Davor betreten Heinzelmännchen und andere seltsame Gestalten die Bühne, singen und bewegen sich eigenwillig....