Einfach nur sein

Nach langen Gesprächsstunden muss es noch ein Blitzrunde durch den 9. Bezirk sein. Georg Nigl wohnt im Wiener Alsergrund, dort, wo auch Franz Schubert lebte. Der Weg führt zur Lichtentaler Pfarrkirche, wo noch das Taufbecken steht, in das der Genius getaucht wurde, sowie der Orgelspieltisch, an dem er saß. Hier hält es den Bariton nicht mehr, er intoniert das «Et incarnatus est» aus Schuberts Es-Dur-Messe, tut es mit der selben Unbedingtheit und Entäußerung, mit der er uns Wozzeck, Jakob Lenz oder Orfeo so beunruhigend nahebringt. Ein Gespräch über Gott, die Welt, Musik und Solidarität

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Herr Nigl, wie sind Sie eigentlich zum Lied gekommen?
Ich habe früher mit einem Freund die Schubert- und Schumann-Bände durchgespielt und durchgesungen. Und wann immer man sich ein Lied anhören wollte, kam man um Fischer-Dieskau nicht herum. Ein Donnervater, ein Monolith. Und wenn ich an Wunderlich dachte, war ich froh, dass ich kein Tenor war – sonst wäre ich gleich in die Donau g’hupft.

Wie haben Sie die Situation «Liederabend» empfunden. Als Kunstblase eines elitären Kreises?
Ich war völlig naiv.

Lied war für mich: auf die Straße gehen und singen. Denn natürlich bedeutet Schubert auch Volksmusik und Wiener Lied. Ich bin zu den Sängerknaben gekommen, ohne eine Ahnung von Dur oder Moll zu haben. Ich stamme aus keiner intellektuellen Familie. Mein Vater war Schneider, meine Mutter zu Hause. Meine Eltern haben aber wahnsinnig auf die Bildung ihrer Kinder geachtet. Später war ich nie Rezipient, ich hab’s als Sängerknabe einfach immer gemacht. Als ich mit 16 mit meiner Mama erstmals in der Volksoper war, habe ich mich gewundert, dass das Haus so klein war. Ich kannte den Raum nur von der Bühne her. Und viel später steht man irgendwann als Liedsänger auf dem Podium und fragt sich: Was ...

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Opernwelt April 2021
Rubrik: Interview, Seite 44
von Markus Thiel

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