Eine Sache des Glaubens
Über Leichen wäre sie gegangen, notfalls über vier. Sieglinde, Siegmund, deren irdische Mutter und vielleicht auch Wotan hätte sie gern brennen sehen im Feuer einer Waldhütte: Fricka, Hüterin der Ehe, als Rachegöttin und zündelnde Kumpanin Loges, das ist eine brutale Schlusspointe, dokumentiert als Rückblende-Video, während sich das Orchester der Ziellinie entgegenzüngelt. Letztlich, auch das sehen wir in Schwarz-Weiß, erwischt es «nur» Wotans Seitensprung. Für seine Gattin ein halbwegs akzeptabler Blutzoll.
Keinesfalls ist also der Streit zwischen Wotan und ihr erledigt mit dem zweiten Aufzug. Die «Walküre», das menschlichste, geschlossenste Stück in Wagners «Ring», erfährt bei Tobias Kratzer zwei, drei Erklär-Umdrehungen mehr. Eine Familienkatastrophe, gewiss. Aber auch eine Sache des Glaubens und der Transformation Wotans. Alles überblendet Kratzer bei seiner Inszenierung für die Bayerische Staatsoper dank vieler, oft wie beiläufig eingestreuter Details. Der Regisseur zielt wirklich auf einen hermetischen «Ring». Mit wiederkehrenden Zitaten, Zeichen und Figuren. Mit Bögen und Querverweisen, die nicht nerdig weitergetrieben werden wie bei Valentin Schwarz in Bayreuth, sondern vieles logisch vertiefen und neu denken.
Das scheint, weil Kratzer dieses Mal nicht auf die große sze -nische Geste setzt, weniger brillant als bei seinem Münchner «Rheingold» vor eineinhalb Jahren. Vieles ist nun kleinformatiger, deswegen aber nicht kleingeistiger. Wie übervoll diese «Walküre» ist, zeigt sich an den Diskussionen danach. Fast jede und jeder hat ein anderes Detail, einen anderen Gedanken erhascht. Eine «Walküre» für Wiederholungstäter also, erst recht für Neulinge. Die holen Kratzer und sein Videoteam (Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi) vor allem ab mit dem «Walkürenritt». Grandiose, belachte und beklatschte Minuten sind das. Wotans Töchter reiten da aus der Münchner Residenz, preschen, von kopfschüttelnden Passanten beobachtet, durch den Englischen Garten, während Brünnhilde im Kampfhubschrauber à la «Apocalypse Now» über ihnen kreist, und schleifen ihre Helden nach dem Video in den nachgebildeten Königssaal des Nationaltheaters. Kratzer erweist sich da als wahrer, witzelnder Regie-Sohn von Peter Konwitschny: Während der das Publikum durch Coups gern verstört, wickelt sein Thronfolger die Gala-Gemeinde damit gekonnt ein.
Überhaupt ist die Ausstattung Rainer Sellmaiers eine Wucht. Die ersten beiden Aufzüge spielen in einem süddeutschen Wald. Nadelbäume, Nebelwabern, darin Hundings Hütte, ein Häuschen aus den 1970er-Jahren. Das Retabel drinnen kennen wir: Es ist die Miniaturausgabe des Goldaltars aus dem «Rheingold», ein Walhall der anderen Art, in dem die Heidengötter triumphierend Platz genommen und das Christentum verdrängt hatten. Vor dem Haus eine Stele mit Kerzen und Fricka-Bild. Hausherr Hunding huldigt der Ehe-Hüterin, er hat ja seine guten Gründe. Was aber auch heißt: Religionstechnisch ist dieses bayerische Idyll irgendwie falsch abgebogen.
Götter mischen sich unter Menschen, am Bayreuther Hügel hat Tankred Dorst das in seiner «Ring»-Deutung vergeblich versucht. In München funktioniert es, weil die Regie zeigt, wie sich beide Welten durchdringen und bedingen. Es ist der Abend, an dem wir die verzweifelte Menschwerdung Wotans verfolgen. Wir sehen, hören und fühlen einen Göttervater, der zerbricht an seiner Funktion und an ihren Erfordernissen. Der vielleicht nie geeignet war für den Job. Der vergeblich versucht, sich die Pulsadern aufzuschlitzen. Doch wie soll das funktionieren? Ein Ewiger begeht Suizid?
Alles geht nur auf, weil auf der Bühne Nicholas Brownlee steht. Er ist der Wotan der kommenden Zeit und womöglich schon jetzt nur noch zwei, drei My von Michael Volle entfernt. Ein Helden -bariton wie aus dem Klangbilderbuch. Mit Granit in der Kehle, mit naturgewaltigen, oft riskant ausgesungen Phrasen, aber auch mit Tönen, die sich zum Zärteln erweichen können. Die vokale Archaik steht in aufreizendem Kontrast zum jugendlichen Typ. Brownlees Wotan ist kein erhabener Chef, sondern ein fehlbarer Buddy. Und ein liebender Vater, die Videos über Siegmunds und Sieglindes Kindheit beweisen es.
Viel kontrollierter gestaltet Miina-Liisa Värelä die Brünnhilde. Man muss in keiner Vokallage Angst haben um diese Stimme. Viel (auch gedeckte) Substanz ist zu hören. Und zu erleben ist eine Singdarstellerin, die mit dem Heroismus der Rolle genauso spielt wie mit den komischen Momenten. Mehr auf Entäußerung zielt Irene Roberts, die ihre Sieglinde in kühlen Farben lodern lässt. Joachim Bäckström als Siegmund kann sich mit nicht sonderlich farbreichem, eng kanalisiertem Tenor gut Gehör verschaffen. Ain Anger bleibt mit seinem nachtschwarzen Bass der ideale Hunding. Und Ekaterina Gubanova gibt gekonnt das Fricka-Biest und kostet die neuen, dunklen Facetten ihrer Figur aus, auch wenn nicht so furchtbar viel zu verstehen ist.
Sie alle werden von Vladimir Jurowski meist so gut wie keines Blickes gewürdigt. Der Generalmusikdirektor vertraut in Sachen Ensembleführung auf die Maestri suggeritori im Souffleurkasten. Seine «Walküre» ist eine aus symphonischem Geist. Jurowski, man hört es, ist ein blitzgescheiter, tief in die Partitur eingedrungener Dirigent. Mit dem Bayerischen Staatsorchester arbeitet er erfolgreich an größtmöglicher Trennschärfe, an feinen Zuspitzungen, an einer Emanzipierung von wichtigen Details. Doch in dieser Überdeutlichkeit entgeht Jurowski Entscheidendes: Wagners Leitmotive sind Teil einer Rhetorik, einer musikalischen Struktur, die das Drama anheizt. Hier jedoch wird vieles am zu straffen Zügel geführt: Theater- und Konversationsmusik klingt eigentlich anders.
Die inneren Tempi von Jurowski und Kratzer klaffen da weit auseinander. Letzterer hält für Freaks auch ein paar Regie-Nüsse bereit. Siegmund und Sieglinde haben hier Sex, bevor sie sich als Zwillinge begreifen – also kein bewusster Inzest? Und am Ende gibt es keinen Feuerring, dafür schlendert Loge herein. Nur zu einem harmlosen Flämmchen bequemt er sich, die schlafende Brünnhilde bleibt schutzlos. Siegfried muss sich also beeilen. Jeder Passant könnte dieses müde Flackern austreten.
Wagner: Die Walküre MÜNCHEN | BAYERISCHE STAATSOPER
Premiere: 25. Juni 2026
Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski
Inszenierung: Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Licht: Michael Bauer
Video: Manuel Braun, Jonas Dahl, Janic Bebi
Solisten: Joachim Bäckström (Siegmund), Ain Anger (Hunding), Nicholas Brownlee (Wotan), Irene Roberts (Sieglinde), Miina-Liisa Värelä (Brünnhilde), Ekaterina Gubanova (Fricka) u. a.
www.staatsoper.de
Opernwelt August 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Markus Thiel
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