EIN WAHNSINN
Es kann nicht gutgehen. Dieser Hermann ist ein hoffnungsloser Fall, ein einsamer Trinker, er gehört nicht dazu und läuft durch die Welt wie ein Wozzeck durch Sankt Petersburg. Beim fatalen Kartenspiel schaut er nur zu, und von der jungen Frau, die er anbetet, will er nicht einmal den Namen wissen, damit die Projektion nicht von der Wirklichkeit gestört wird.
Und als sich Lisa, gerade mit dem Fürsten Jelezki verlobt, für Hermann eigentlich unerreichbar, ganz unwahrscheinlicher Weise doch diesem Unglücksvogel hingibt (oder vielmehr seinem Wahn absoluter Liebe), ist es eine Katastrophe, die sie nicht überlebt. So wie sein Spiel um alles oder nichts am Ende mit nichts endet, weil das Geheimnis der Karten, das ihm der Geist der alten Gräfin geflüstert hat, beim Showdown mit Jelezki nicht funktioniert. Er kann sich nur erschießen. Ein Verhängnis schwebt über ihm, und Tschaikowskys Musik zieht uns, die Zeugen eines nicht abwendbaren Schicksals, tief hinein in den Strudel dieses Unglücks, mit ihren pulsenden Ostinati, dem stur dräuenden Klopfen des Dreikartenmotivs, mit ihrem unerbittlichen Vorwärtsdrängen, den romantischen Großgesten und dann wieder Momenten depressivster ...
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Opernwelt 6 2022
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Holger Noltze
Eine Mutter tötet ihre Kinder, kocht deren Herzen aus und setzt sie ihrem Ehemann zum Fraß vor. Das Musiktheater «Gudruns Lied» des isländischen Komponisten Haukur Tómasson basiert auf der altisländischen Version der Nibelungensage aus der Edda-Dichtung. In einer Bühnenfassung der Regisseurin Elisabeth Stöppler erlebte das 1996 uraufgeführte, mit dem renommierten...
Plitsch – platsch – plitsch – platsch: Drei Akte lang ging das so. Wenn das Bayreuther Festspielhaus noch ein Tempel wäre, dann hätte Hermann Nitsch ihn im vergangenen Sommer entweiht – allein schon durch die Geräusche, die Farbe macht, wenn man sie eimerweise auf eine Leinwand schüttet, oder eher: wirft. Der Corona-Sommer machte es möglich, zu Wagners konzertant...
Anlass, Datum und Ort waren mit Bedacht gewählt. Pünktlich zur alljährlich gefeierten Wiederauferstehung Jesu Christi, am Ostersonntag Anno Domini 1708, erlebte Georg Friedrich Händels Oratorium «La Resurrezione» seine prunkvolle Uraufführung in der ewigen Stadt. Im salone d'onore al piano nobile des Palazzo Bonelli war eigens dafür eine Bühne errichtet worden, an...
