Ein unmoralischer Stoff
Jules Massenet teilt das Schicksal etlicher erfolgreicher Opernkomponisten des langen 19. Jahrhunderts. Nach seinem Tod 1912 geriet er unter Kitsch-Verdacht, zumal in einem Frankreich, das die eigene Tradition abschütteln wollte, indem es sich der Wagner-Nachfolge und dem Symbolismus verschrieb. Wer kennt heute noch «Le roi de Lahore», «Hérodiade» oder «Le Cid»? Allein «Manon» und «Werther» haben sich im Repertoire behauptet. Gewiss: In den letzten Jahrzehnten werden auch andere seiner insgesamt 27 Opern wieder öfter gespielt.
Dennoch staunt man, wenn man der internationalen Rezeption eines in Frankreich besonders erfolgreichen Stücks wie «Thaïs» nachforscht.
Bereits nach 16 Jahren erreichte diese Oper ihre 100., nochmals 14 Jahre später, am 28. August 1924 sogar die 300. Aufführung an der Pariser Opéra. Zum 600. Mal wurde das Stück dort am 11. Dezember 1944, kurz nach der Befreiung von der deutschen Besatzung, gegeben. Doch in Deutschland und Österreich scheinen moralische Bedenken einen Erfolg verhindert zu haben, obwohl dort Massenets ältere Opern wahre Begeisterungsstürme ausgelöst hatten. «Werther» hatte 1892 sogar seine Uraufführung in Wien erlebt. Ferdinand Borostyány ...
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Opernwelt April 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Anselm Gerhard
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62. Jahrgang, Nr 4
Opernwelt wird herausgegeben von Der Theaterverlag – Friedrich Berlin
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