Eigentum ist Diebstahl
Die beiden Vivaldi-Opern, die im Juni in Venedig und Paris aufgeführt wurden, spiegeln in ihren Inszenierungen zwei ganz unterschiedliche Arten, wie Barockoper heute gezeigt werden kann: modernisiert oder eher klassisch. Welcher Ansatz trifft besser? Antonio Vivaldi jedenfalls schrieb seine Dramme in musica mit einer gewissen Lässigkeit. Es war nicht ungewöhnlich, dass er Arien aus eigenen Opern, aber auch aus Werken anderer Komponisten wiederverwertete ohne die Angst, als Plagiator dazustehen.
Das Verhältnis zum geistigen Eigentum war damals deutlich entspannter als heute. In der Barockoper gab es derweil eine strikte Trennung zwischen der Erzählung der Ereignisse (sie wurde den Rezitativen anvertraut) und den Arien (sie blätterten sich durch den Gefühlskatalog der verschiedenen Figuren). Vivaldis «Bajazet», 1735 in Verona uraufgeführt, somit ein Werk aus der reifsten Schaffensphase des Venezianers, ist ein typisches Pasticcio; es gibt so gut wie keine eigens dafür komponierten Arien, fast das gesamte Material ist qua Parodieverfahren entliehen. Mit augenzwinkernder Ironie wählte Vivaldi für seine «guten» Gestalten Bajazet, Asteria und Idaspe Arien aus eigenen Opern (darunter ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Stefano Nardelli
Wir nehmen an, dass Jacquot nicht meinte, was er krähte: «Richard Wagner ist ein böser Mann». Denn Papageien sprechen ja quasi onomatopoetisch nach, was man ihnen regelmäßig vorsagt, und Minna Wagner hatte den bunten Vogel entsprechend instruiert. Wobei Richard in einem Brief vom 14. September 1858 an Minna spöttisch forderte, Jacquot solle sagen, Richard Wagner...
Christophe Rousset was here!» Nicht, dass dieser Dirigent optisch an die Figur auf dem Kilroy-Graffito erinnern würde – eher lässt er an die Grimm’sche Fabel vom Hasen und dem Igel denken. Denn wer immer in der Landschaft der Alten Musik vermeintliches Niemandsland betritt, mag im Geiste das «Ich bin schon da» des Franzosen hören. Auf seine hochgelobte Aufnahme von...
Selbst unter den Solitären der Operngeschichte ist Beethovens «Fidelio» ein einsames Werk geblieben. Mit den drei Fassungen (1805, 1806, 1814) nimmt es einen erratisch anmutenden Platz im Schaffen Beethovens ein und wird von der Forschung doch oder gerade deswegen vernachlässigt. So ist es ein Ereignis, wenn erstmals seit fast vierzig Jahren wieder eine Monographie...
