Anarchie und Ennui
Potzblitz, Parbleue und Himmelsakrament! An der Deutschen Oper Berlin ist der kurze (Früh-)Sommer der Anarchie ausgebrochen. Das Musiktheaterkollektiv «Hauen und Stechen» hat sich John Adams’ augenzwinkernder Politparabel «Nixon in China» angenommen, eines Stücks, das seit seiner Uraufführung 1987 in Houston Geister und Gemüter spaltet.
Verfechter der Minimal Music halten es für eine der größten Schöpfungen auf dem Gebiet des Musiktheaters nach 1945; westeuropäische Avantgardisten verspotten es als eklektisch-filmmusikalisches Kaleidoskop aus verschiedenen, selbst aber schon veralteten Stil -kopien. Und, ja, man kann das so sehen: In seiner monochromen Dur-Moll-Tonalität, mit seinen Anklängen an Teile der Operngeschichte (vor allem Wagner), an den Jazz, das Musical und Songwriting wirkt «Nixon in China» in der Tat wie ein Kessel Buntes. Aber nur dann, wenn man sich jenem Hörertypus Adornos zurechnet, der das Ressentiment vor die sachliche Analyse stellt.
Diese nämlich ergibt ein erhebliches Raffinement in der Struktur des Stücks. Die repetitiv aufsteigenden diatonischen Tonleitern der Introduktion wirken zwar hochgradig naiv, sie bekunden aber zunächst einmal nicht mehr als die ...
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Opernwelt August 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Weder hat Claudio Monteverdi 1607 mit seiner Favola in musica «L’Orfeo» die Oper erfunden noch Christoph Willibald Gluck 1762 mit der Azione teatrale per musica «Orfeo ed Euridice» allein die Reform dieser Kunstform begründet. Dass beides dezidiert höfische Werke sind, besagt schon die Gattungsbezeichnung «Pastoraldrama». Dennoch besteht ihr Ausnahmerang zu Recht,...
Wenn Frauen Opern über Frauen inszenieren, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie machen es ganz anders oder sie erfüllen ihren Dienst am Regietheater noch radikaler als ihre männlichen Kollegen. Lydia Steier gehört zu Letzteren. Schlaflose Nächte habe sie seit der Premiere ihrer Inszenierung von Strauss’ «Salome» im Oktober 2022 an der Opéra Bastille verbracht,...
Beethovens «Fidelio» mit seinem Nebeneinander von Biedersinn und der Feier des Humanen stellt jede Regie zunächst einmal vor ein generelles Problem. Was tun mit dem widersprüchlichen Werk? Ob die zur Gewohnheit gewordene Lösung dieses Problems durch ein oratorienhaftes Blow up ins Allgemeinmenschliche noch trägt, darf und muss man bezweifeln; zugleich bietet die...
