Editorial September/Oktober 2020

Ein unglaublicher Vorgang: Als am 17. Juli der Verwaltungsrat des Staatstheaters Karlsruhe zusammentritt, um über die Zukunft des Generalintendanten Peter Spuhler zu beraten, demonstrieren knapp 300 Angestellte draußen vor der Tür, mehr als ein Drittel der Belegschaft. Die unmissverständliche Botschaft: Das Haus brauche dringend einen Neuanfang, und der sei nur ohne Spuhler möglich. Schon im Vorfeld hatte sich der Personalrat in einem offenen Brief klar positioniert.

Das Haus leide unter einem «toxischen Arbeitsklima», der Führungsstil des Chefs sei durch «Kontrollzwang, beständiges Misstrauen, cholerische Ausfälle» geprägt. In einer schriftlichen Stellungnahme der Orchester- und Chorvorstände vom 13. Juli ist von «Arbeitsverhältnissen» die Rede, «die [...] in der Sparte Oper [eine] selbstbestimmte, künstlerische Arbeit eigentlich hoch motivierter Spitzenkräfte verhindern». Und die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheaters, der mit über 1400 Mitgliedern größte Kulturförderverein Karlsruhes, zieht in einem am gleichen Tag veröffentlichten Statement ein vernichtendes Resümée: «Ein achtungsvolles Miteinander setzt Vertrauen voraus, das durch die Vorkommnisse irreparabel ...

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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Albrecht Thiemann

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