Große Spannweite
«Beaucoup de douceur et de sensibilité» verlangt Jean-Baptiste Lemoyne von Theseus’ unglücklichem Sohn Hippolyte bei dessen Abschied von den Jagdgefährten. Der blindwütige Vater schickt ihn ins sichere Verderben. Ein großes elegisches Chor-Tableau hält in der sich anbahnenden Katastrophe die Zeit an.
Der weite Spielraum des Ausdrucks der Leidenschaften, die Balance zwischen forcierter Extraversion, lyrischen Momenten und stiller Zurücknahme in subtil ausgeleuchteten (inneren) Monologen unterscheidet Lemoynes auf Racine basierende «Phèdre» von ihren unmittelbaren Konkurrenzwerken im Jahr 1786, Antonio Salieris harsch («römisch») verknappten «Horaces» und Johann Christoph Vogels wie gemeißeltem «Toison d’or» – kein Wunder, da beide Male Corneille das Libretto-Material lieferte. Aber welch eine Konstellation: der aus Venetien stammende Wiener Kapellmeister Salieri; der deutsche Gluck-Enthusiast Vogel aus Nürnberg, der in Paris sein Glück machen will – und der Franzose Lemoyne, den es als 19-Jährigen nach Berlin verschlagen hatte, wo er es bis zum Vizekapellmeister Friedrichs II. brachte. Das ist das Milieu, in dem sehr bald Luigi Cherubini, Étienne-Nicolas Méhul und dann vor allem ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Klaus Heinrich Kohrs
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