Editorial Opernwelt 6/26

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Wer Neapel verstehen, seinen Duft einsaugen, sein genuines Flair erspüren will, sollte Elena Ferrante lesen.

In ihren Romanen, insbesondere in der vierbändigen, dem literarischen Realismus verpflichteten «Neapolitanischen Saga», entwirft die pseudonyme italienische Autorin ein Panorama der süditalienischen Stadt, dessen Vielfarbigkeit schlichtweg betört; auch die Psychologie der darin auftretenden Figuren (Elena und Lila, zwei grundsätzlich unterschiedliche junge Frauen aus einem Armenviertel, stehen im Mittelpunkt der Tetralogie) vermag Ferrante mit einer Finesse zu skizzieren, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als gemeinsam mit ihr in die verwinkelten Gassen der Millionenmetropole einzutauchen. Auf jeder Seite dieser (im übrigen brillant geschriebenen) Romane spürt man: Neapel ist anders. Und das gilt auch für die Kunstform, deren Wiege in Italien steht. Oper war dort immer und in höherem Maße als in mitteleuropäischen Gefilden jenes «Kraftwerk der Gefühle», als das es der kürzlich verstorbene Publizist, Essayist und Filmemacher Alexander Kluge einmal zutreffend bezeichnet hat. Doch auch ein solches Kraftwerk benötigt Geld, um erst die großen und gefährlichen (Bühnen-)Leidenschaften zu erwecken. Und womöglich liegt hier schon einer der Gründe für den Skandal, der das Teatro di San Carlo in seinen Grundfesten erschüttert hat: Die Staatsanwaltschaft Neapel hat Ermittlungen aufgenommen, der Verdacht lautet, wie es die italienischen Tageszeitungen «Il Mattino» und «La Repubblica» fast gleichlautend berichteten, auf Unterschlagung öffentlicher Subventionen, Betrug und Urkundenfälschung. Beschuldigt werden zwölf Personen. ...

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Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

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