Editorial Opernwelt 4/26
Für eingefleischte Wagnerianer, die sich trotz winterlicher Kälte auf den Weg in die Hamburgische Staatsoper begeben hatten, wurde der 18. Januar 1998 zum Tag des Zorns. An diesem Abend trat die Sünde in die Welt, Sodom und Gomorrha gewissermaßen. Und all jene Jünger, die sich gottgleich im Besitz der Wahrheit wähnten, vereinten sich daraufhin zum erzreaktionären Mob, um den Scharlatan abzustrafen, der solche unsittlichen Ausschweifungen befohlen und damit ein Sakrileg begangen hatte.
Gegen ihn, den Luzifer der Opernregie, richtete sich ihre geharnischte, ja, beinahe biblische Wut, und also ließ die Prätorianergarde des Bayreuther Meisters bald nach dem Verhauchen des letzten Fis-Dur-Akkords ein Gewitter über das Haupt des Frevlers herniederfahren, auf dass sich die heiligen Hamburger Hallen in einen Gerichtssaal verwandelten. Peter Konwitschny hieß der Angeklagte, und er wurde von der Inquisition für schuldig befunden, hatte er doch die Dreistigkeit besessen, die hehre romantische Oper «Lohengrin» aus ihrer Verankerung zu reißen, sie in die wilhelminische (recte: präfaschistische) Epoche und dortselbst in ein Schulzimmer zu verlegen, in dem lauter unmündige Kaiserzeit-Kinder ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Jean-Baptiste Lully und sein Librettist Philippe Quinault wollten mit der Erfindung der Tragédie en musique, der gesungenen Tragödie, dem klassischen Versdrama Corneilles und Racines ein Gesamtkunstwerk aus Wort und Ton, Gesang und Tanz zur Seite stellen – erstmals mit «Cadmus et Hermione» 1673, dem dann bis zu Lullys Tod 1687 Jahr für Jahr ein neues folgte....
Wenn im vierten Akt der «Morgiane» die Heldinnen und Helden sich im Kerker des Sultans von Isfahan wiederfinden, gelingen dem Komponisten Momente von hoher Dichte und Intensität. Kourouschah hatte die junge Amine bei ihrer Hochzeitsfeier im ersten Akt gewaltsam entführen lassen, um sie nach Despotenart zu seiner Frau zu machen – nicht wissend, dass es sich um seine...
Höhere Mächte? Werden nicht sichtbar in der Oper «Rusalka». Wankelmütige Wasserwesen und finstere Frauengestalten hingegen schon. Und wenn gegen diese nichts mehr hilft, kann man immer noch Frau Luna droben am nächtlichen Firmament flehentlich anheulen. So naturschön, so inniglich-irrlichternd wie die trübselige Titelheldin von Dvořáks Musikdrama vermag dies kaum...
