Babylonische Öfen

Theaterverbote in Seuchenzeiten sind nichts Neues. Auch die protestantische Geistlichkeit hielt in Epidemien Gottesdienste offen und Bühnen geschlossen – eine Geschichte der Ängste und der Vorbeugung im Medium der Unmittelbarkeit

Dem europäischen Theater ist die Sorge vor der Ansteckung mit Krankheiten bereits in der Antike vertraut. Miasmen und Pesthauch, später dann Bakterien und Viren sind die unsichtbaren Akteure der europäischen Theatergeschichte. Maßnahmen der Vorbeugung, der Prävention, aber auch die Angst vor der Ansteckung und dem Fremden haben den Ort des Theaters in der Gesellschaft ganz wesentlich bestimmt.

Der Begriff der Prävention (von praevenire = zuvorkommen) zielt dar­auf, ein bestimmtes unerwünschtes Ereignis oder einen unerwünschten Zustand zu verhindern oder die erwarteten negativen Effekte des Ereignisses oder des Zustands zu begrenzen. Schon der römische Architektur­theoretiker Vitruv wollte die Theaterbauten weit weg von Sümpfen und Feuchtgebieten angelegt wissen, da dort, nach damaligem medizinischen Verständnis, ansteckende Krankheiten ihren Ursprung nahmen. Gerade weil die Schauspiele «an den Festtagen der unsterblichen Götter» stattfanden, galt es, den Ort des Theaters mit vorausschauendem Geschick auszuwählen. Eine besondere Gefährdungssituation ergab sich für Vitruv dabei aus der besonderen Rezeptionshaltung des Publikums:

«Denn die Bürger werden, die ganze Zeit hindurch mit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 14
von Jan Lazardzig

Weitere Beiträge
Welttheater

Wirrer, abenteuerlicher und undurchschaubarer als in Pietro Antonio Cestis 1657 in Innsbruck uraufgeführtem Dramma musicale «La Dori ò vero La Schiava Fedele» geht es wohl in keiner anderen Barockoper zu. Prinzessin Dori und Prinz Oronte sind einander schon als Kinder versprochen, doch ein grausames Schicksal trennt sie. Wenn sie am Ende einander finden, haben...

Melancholie, mon amour

Unselige Stunden, zunächst. Denn in der dunklen Dämmerung, da dieser Beitrag begonnen wurde, beschädigte Deutschland seinen Ruf. Zumindest den auf dem grünen Rasen, der nach 2014 in Rio de Janeiro ohnehin kaum mehr bestätigt wurde, sondern ständig gefährdet war. Am Ende jenes Abends also, da Spanien Deutschland im opernträchtigen Sevilla dramatisch mit 6:0...

Prinzip Hoffnung

War das jetzt schon (zumindest eine «neue») Normalität? Vor einer spärlich erschienenen Journalistenschar, auf Abstand gesetzt und mit Maske, verkündete das Direktorium der Salzburger Festspiele am 10. Dezember 2020 in der weiträumigen Felsenreitschule coram publico und nicht per Videoschaltung die Vorhaben für den kommenden Sommer. Man plant 168 Aufführungen in 46...