Editorial April 2021

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Vor 50 Jahren erschien ein Buch, dessen Bedeutung und Wirksamkeit bis heute ungebrochen groß sind, von dem aber vermutlich selbst sein Autor nicht ahnte, wie aktuell es gerade in diesen Zeiten sein würde – John Rawls’ «A Theory of Justice».

Darin legt der US-amerikanische Philosoph minutiös dar, wie eine Gesellschaft funktionieren kann, die sich auf den Spuren von Aristoteles, Platon und Kant einem ethischen Ideal verpflichtete, das Gerechtigkeit als Fairness der diversen Gesellschaftsmitglieder untereinander interpretierte und die Freiheit als eine Konstante für alle daran Partizipierenden verstünde. Rawls sieht die Gesellschaft dabei nicht als einen pulsierenden Organismus. Er vergleicht sie vielmehr mit einem Orchester, weil in ihm jedes Mitglied eine unverwechselbare Aufgabe zu erfüllen habe und trotzdem zu einem Ganzen beitrage, an dessen Mehrwert wiederum jeder Einzelne teilhabe. Den Idealen von Egoismus und Utilitarismus erteilt er eine Absage, weil sie entweder den Nutzen des Einzelnen oder den des Kollektivs zu maximieren suchten. Rawls aber geht es nicht um Maximierung, es geht ihm ganz zentral um das Ideal der Fairness, selbst noch in einer Situation der Unsicherheit. ...

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Opernwelt April 2021
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

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