Editorial April 2021

Vor 50 Jahren erschien ein Buch, dessen Bedeutung und Wirksamkeit bis heute ungebrochen groß sind, von dem aber vermutlich selbst sein Autor nicht ahnte, wie aktuell es gerade in diesen Zeiten sein würde – John Rawls’ «A Theory of Justice».

Darin legt der US-amerikanische Philosoph minutiös dar, wie eine Gesellschaft funktionieren kann, die sich auf den Spuren von Aristoteles, Platon und Kant einem ethischen Ideal verpflichtete, das Gerechtigkeit als Fairness der diversen Gesellschaftsmitglieder untereinander interpretierte und die Freiheit als eine Konstante für alle daran Partizipierenden verstünde. Rawls sieht die Gesellschaft dabei nicht als einen pulsierenden Organismus. Er vergleicht sie vielmehr mit einem Orchester, weil in ihm jedes Mitglied eine unverwechselbare Aufgabe zu erfüllen habe und trotzdem zu einem Ganzen beitrage, an dessen Mehrwert wiederum jeder Einzelne teilhabe. Den Idealen von Egoismus und Utilitarismus erteilt er eine Absage, weil sie entweder den Nutzen des Einzelnen oder den des Kollektivs zu maximieren suchten. Rawls aber geht es nicht um Maximierung, es geht ihm ganz zentral um das Ideal der Fairness, selbst noch in einer Situation der Unsicherheit. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2021
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Apps and Downs

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass die Digitalisierung auch in der analogen Welt der Klassik Einzug hält. Apps, die Notentexte digital darstellen und immer bessere Interaktion mit dem elektronischen Material ermöglichen, schießen aus dem Boden: «forScore», «Newzik», «nkoda», «Piascore», «PlayScore», «Enote», «ScorePad», «PhonicScore» ... Immer mehr...

Todesfluss

Warum eigentlich machen Gockel sich zum Gespött? Die Literatur ist voll mit Geschichten von reifen Männern und weit jüngeren Ehefrauen – und den Hörnern, welche die Gatten von jungen Nebenbuhlern aufgesetzt bekommen. Natürlich hatte dies sozioökonomische Gründe: Erst im «besten» Alter war ein Mann in der Lage, eine kinderreiche Familie zu ernähren. Für den...

Schöne, neue Welt

Seit einem Jahr sind die Theater, Opern- und Tanzhäuser des Landes fast durchgehend geschlossen – und haben sich darauf umgestellt, online zu senden. Als neue Normalität lehnen die meisten Theatermenschen diese Form der Vermittlung ab: «Wir sind des Streamens müde», dieser Stoßseufzer ist oft zu hören. Das Theater hängt an der physischen Kopräsenz, es sehnt sich...