Editorial 9-10 2022
Erinnern wir uns: Sommer 1993. Das Unfassliche geschieht, beinahe über Nacht und nach einer Sitzung, deren Dramatik wohl unübertroffen war, liest man noch einmal die entsprechende Passage in den Erinnerungen des damaligen Berliner Kultursenators Ulrich Roloff-Momin mit dem pikanten Titel «Zuletzt Kultur». Das Schiller Theater, Stätte unzähliger grandioser Schauspielerlebnisse, nicht zuletzt auch jene Ruhmeshalle, in der ein gewisser Samuel Beckett knapp zwanzig Jahre zuvor sein «Endspiel» inszeniert hatte, wird geschlossen. Ohne Endspiel. Einfach so.
Es ist ein Schock, insbesondere für die West-Berliner Theaterszene, und darüber hinaus ein zeichenhaft-symbolischer Vorgang: So nötig, schreckt die Politik nicht vor Maßnahmen zurück, an die man nicht einmal im Traum zu denken wagte.
Aus heutiger Sicht könnte man, ganz ohne zynischen Einschlag, sagen: Die Schließung hatte auch ihr Gutes. Denn als Übergangsspielstätte war das Schiller Theater, unter der Leitung des Künstler-Intendanten Jürgen Flimm, ein Segen für die Stadt. Wo sonst hätte die Staatsoper während der Sanierung des Stammhauses ein brauchbares Domizil finden können? Immerhin sieben Jahre, von 2010 bis 2017 verwandelte ...
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Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten
Am 29. Januar 1933, einen Tag bevor Adolf Hitler Reichskanzler wird, schreibt Kurt Weill einen Brief an seine Geliebte Erika Neher, und er macht dabei keinen Hehl aus der miserablen Verfassung, in welcher er sich befindet: «Ich war wieder einmal ein paar Tage ganz verzweifelt, weil mir wieder etwas schiefgegangen war u. ich in einer scheusslichen Stimmung war, u....
ML = Musikalische Leitung I = Inszenierung B = Bühnenbild K = Kostüme C = Chor S = Solisten P = Premiere UA = Uraufführung
Hier finden Sie alle Vorstellungen (Premieren, Repertoirevorstellungen) der Opernhäuser in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Von allen anderen Opernhäusern listen wir die Daten zu den Premieren auf.
DEUTSCHLAND
Aachen Theater...
Zum Beispiel der kurze Blick in den Spiegel, ganz links hängt der. «Einen Unseligen labtest du», singt Siegmund und betrachtet sich betrübt, aber ohne jedes Selbstmitleid. Oder zuvor das zweimalige Reichen des Wasserglases, bevor Sieglinde noch eine Flasche Met bringt, vom Bruder anerkennend gewürdigt (die drei Gesten stehen exakt so in der Partitur). Oder der...
