Editorial
Die französische Sopranistin Sylvie Valayre erzählt im Interview dieses Heftes eine Geschichte, die man erfinden müsste, wenn sie nicht passiert wäre. Sie sang an einem großen deutschen Opernhaus eine französische Arie vor. Natürlich in Originalsprache. Ein Assistent des (im Dunkeln anwesenden) Generalmusikdirektors kam hinter die Bühne und erklärte der Sängerin, man habe Probleme mit ihrem Französisch gehabt.
Als er einsehen musste, wie groß die Blamage dieses Urteils war, setzte er eins drauf und packte einen Vernichtungsversuch in Frageform: Ob sich die Sängerin überhaupt darüber im Klaren sei, dass sie eine hässliche Stimme habe? Wir wollen hier gar nicht auf die erneute Blamage hinaus, die sich mit dieser zweiten Bemerkung verbindet: Dafür, dass hässliche Stimmen ungleich faszinierender sein können als schöne, gibt es auch vor und nach Maria Callas eindrucksvolle Beispiele. Es geht vielmehr um eine Verrohung der Sitten, die in der Opernszene mehr denn je um sich greift – eine Verrohung, die fast immer auf dem Rücken der Sänger ausgetragen wird.
Eine ihrer Ursachen ist der grassierende Jugendwahn. Es gibt so viele Intendanten, Operndirektoren und Chefdirigenten um die Dreißig ...
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