Drei Mal Leben
Wer Russland verstehen möchte (weniger die Menschen als vielmehr die Psychologie dieses unermesslich reichen Landes), wer nach seinen vielschichtigen soziokulturellen Wirklichkeiten, Irrealitäten und Absurditäten sucht – der findet in einem Buch Antworten, das sich anhand von vier Biografien konkret zwar «nur» mit der Zeit nach 1984 beschäftigt, dabei aber abgrundtief in die Historie eintaucht, um zu erkunden, was die Gründe dafür sind, dass Russland seine Freiheit erst gewann und dann, gänzlich ohne Not, wieder verlor.
«Die Zukunft ist Geschichte» heißt, mit dialektischem Scharfsinn, Masha Gessens fulminante Studie, die 2017 mit dem National Book Award in der Kategorie «Nonfiction» ausgezeichnet wurde. Sie umreißt nicht nur politische «Prozesse», die das Land in eine Autokratie zurückverwandelt haben, sie entlarvt zudem psychologische Muster, die auch Michail Wladimirowitsch Jurowski am eigenen Leib erleben musste.
1971 war es, da nahm der am ersten Weihnachtstag 1945 geborene Sohn des Komponisten Vladimir Jurowski (und Enkel des Dirigenten David Block) an einem Dirigierwettbewerb teil. Michail konnte sich berechtigte Hoffnungen auf einen Preis machen, sein Talent war in ganz ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Erinnerung, Seite 44
von Jürgen Otten
Natürlich gibt es die silberne Rose. Und Octavian hat sie sogar dabei, auch wenn einen Aufzug zuvor der skeptische Ochs fast hineingebissen hätte. Nun also: Tusch, danach das berühmte gläserne Zerfließen der Musik – und es hebt an das linkische Spiel zwischen dem Titelhelden und der kulleräugigen Sophie, bis es in beiden emporgiggelt und sie in frivoles Gelächter...
Demokratie ist Diskussion. Sie muss Meinungsäußerungen der einen Seite aushalten, die für die andere eigentlich unerträglich sind. Die Rede des einen erlaubt die Gegenrede des anderen. Der Geist der Freiheit will es so. Die Griechen, deren Vorfahren einst die Demokratie erfanden, sind geübt darin, sie vertreten dieses Recht mit enormer Leidenschaft – lautstark und...
Das Jahr der Kollektive nimmt Fahrt auf. Die documenta 15 wirft mit ihrem indonesischen ruangrupa--Kuratorium lange Schatten voraus. Aber je näher das Top-Ereignis der Kunstwelt rückt, desto nebulöser wird, was in Kassel außer Diskursen im internationalen NGO-Jargon eigentlich stattfinden soll. Längst hat sich das, was man früher «Bildende Kunst» nannte, geweitet –...
