Drahtseilakt

Reimann: L’Invisible an der Oper Frankfurt

Opernwelt - Logo

Der epochale französische Pianist Alfred Cortot fügte in seiner «Studien-Ausgabe» der Chopin-Préludes allen 24 Stücken poetisierend charakteristische Deutungen bei. Er tat dies aus dem Geiste der «schwarzen» Romantik: exaltiert, depressiv, apokalyptisch – abgründig angesiedelt zwischen Berlioz und Baudelaire. So heißt es etwa über das «Regentropfen»-Prélude: «Aber der Tod ist da, im Dunkel». Das finale d-Moll-Fanal löste sogar die Assoziation «Blut, Wollust und Tod» aus.

Jene «Sympathie mit dem Tode», die Thomas Mann noch 1918 Pfitzners «Palestrina» attestierte, schien allgegenwärtig. Ebendieser entsprach auch die deutsche Reserve gegen die französische Kultur samt ihrer angeblichen Oberflächlichkeit. Leichtfertig übersehen wurden dabei die fatalistischen Tendenzen der Theaterstücke von Maurice Maeterlinck, dessen «Pelléas et Mélisande» in ganz anderer Weise von «Sympathie mit dem Tode» zeugt. Dass so konträre Komponisten wie Schönberg und Sibelius sich dem «Pelléas»-Stoff zuwandten, zeugt von der Internationalität des letztlich depressiven Fin de Siècle.

Auch Aribert Reimann steht gewiss nicht für Happy music. Vom «Traumspiel» bis zur «Medea» stehen seine Opern im Zeichen des ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Gerhard R. Koch

Weitere Beiträge
Der Mörder ist unter euch

Streiter für Tugend, heil’ge Kraft, himmlische Taube, der Vater einst reiner Tor, dann Gralsretter – wer’s glaubt. So edel all dies von Klaus Florian Vogt wieder vorgetragen ist, mit seit einiger Zeit erstaunlich stabilen dramatischen Werten, es bleibt doch eine Lüge, zumindest ein (Sich-)Zurechtbiegen der Wirklichkeit. Darüber kann auch Lohengrins Gesang nicht...

Slow Motion auf der Symbolhalde

Die «Così»-Phase hat man am Münchner Prinzregentenplatz schon lange hinter sich gelassen. Heißt: die Einstudierung von Hits, damit sich der Nachwuchs früh Repertoire draufschafft als Rüstzeug für spätere Engagements. Dies bedeutet aber auch: Wer an der Theaterakademie August Everding bei einem Opernprojekt auf der Bühne steht, kann normalerweise seine mühsam...

Als die Erde eine Scheibe war

Im Wort «Schuldigkeit» schwingt Verpflichtung mit, und auch ein «Wehe!»: Im Fall der Nichtbefolgung des ersten Gebots, der für die Menschheit obligaten Gottesliebe, droht ewige Verdammnis. Die dafür benützten Bilder scheinen kulturhistorisch noch aus jenen Zeiten zu stammen, da die Erde als Scheibe galt. In ihnen wurde die Frohbotschaft der Evangelien oft zur...