Doppelgänger

Das Moskauer Bolschoi Theater hat mit Wladimir Sorokins und Leonid Desjatni­kows «Die Kinder von Rosenthal» die erste Opern­uraufführung seit Ende der Sowjetära riskiert

Eine neue Oper ist in Russland noch immer ein Rarissimum. Der Opernbetrieb bleibt im Prokrustesbett des Main­stream, die Barock­oper oder radikale Werke des 20. Jahrhunderts haben kaum eine Chance. Umso wichtiger ist die gewagte Geste des Bolschoi Theaters, eine neue Oper in Auftrag zu geben – und zwar bei dem Schriftsteller Wladimir Sorokin und dem Komponisten Leonid Desjatnikow.

Als Team zogen die beiden bereits mit dem vor fünf Jahren entstandenen antisowjetischen Film «Moskau» von Alexander Seldowitsch große Aufmerksamkeit auf sich: Sorokin hatte das Drehbuch, Desjatnikow die Musik geschrieben. Sorokins Prosa, in den letzten Jahren in achtzehn Sprachen übersetzt und zu einem Signum des neuen Russland geworden, gilt unter eher traditionalistisch eingestellten Russen freilich vor allem als obszön: Seine Vorliebe, die natürlichen Funktionen des menschlichen Körpers schonungslos darzustellen, löst in diesen Kreisen immer wieder erhebliche Irritationen aus.
So wurden «Die Kinder von Rosen­thal» schon lange, bevor sie auf der Bühne Gestalt annahmen, zum Gegenstand einer heftigen politischen Kontroverse. Viele befürchteten eine Entweihung des Bolschoi Theaters, das sie als «Zitadelle ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Alexej Parin

Vergriffen
Weitere Beiträge
Klangrede

Köln hat einen neuen «Idomeneo» zum Hören. Weniger einen zum Hinsehen. Das hat zwei Gründe: Erstens ist Mozarts Oper ohnehin schwierig zu inszenieren; zweitens fällt Christoph Nel und seinem Bühnenbildner Jens Kilian nichts Nachhaltiges dazu ein, wie erstgenanntem Übel abzuhelfen wäre. Die Bühne auf der Bühne im ersten Akt klärt zwar die Fronten zwischen einer...

Glanert: Der Spiegel des großen Kaisers

Detlev Glanerts musikalischer Stil teilt sich dem Hörer unmittelbar mit und kommt selbst bei Kindern bestens an («Die drei Rätsel», Bonn 2004). «Scherz, Satire und tiefere Bedeutung» entpuppte sich als ein regelrechter Coup auf deutschen Theaterbühnen. Nun offeriert Gelsenkirchen den «Spiegel des großen Kaisers» – als drittes Haus –, wobei sich noch in der...

Mozart: Idomeneo

«Idomeneo» als hoch expressiver Vorgriff auf den «Don Giovanni»: Das ist ein nicht ohne Reibungsverluste durchzuhaltendes Konzept – vor allem dann, wenn ein Dirigent wie James Allen Gähres sein Orchester mit einem Nachdruck spielen lässt, dass das Ergebnis weniger einer Feinzeichnung als einem mächtigen Ölgemälde gleicht – und die Musiker sich auch spieltechnisch...