Ein Fünkchen Hoffnung

Stephan Kimmig deutet Strauss’ «Elektra» in Düsseldorf als sublimes Kammerspiel, Vitali Alekseenok durchstöbert die Partitur nach ihren irisierenden Schönheiten

Opernwelt - Logo

Der König ist tot, es lebe der König? Beäugt man den Beginn von Strauss’ «Elektra», wird die paradoxale Sentenz sinnfällig. Denn noch bevor das erste Wort fällt, erscheint, im wuchtigen fortissimo, Agamemnon – als Tonfigur. Strauss hat ihm ein Motiv an die Hand gegeben, dessen eruptive Derbheit das gesamte Werk durchzucken wird: zwei Sechszehntel, die auf einen drei Viertel lang ausgehaltenen d-Moll-Akkord springen, wie ein Schicksalsmotiv, dem niemand entweichen kann, wie eine Idée fixe.

Stephan Kimmig gibt dem Ermordeten in Düsseldorf lebendige Formen – in Gestalt des Akrobaten Aliaksei Liubezny vom Cirque du Soleil. Im schäbig-schwarzen Anzug mit weiß geschminktem Gesicht turnt er um Elektra herum, macht virtuose Überschläge, umkreist sie als Schatten der Erinnerung. Sie selbst hat ihr mythisches Gewand abgelegt. Ein wenig gleicht Magdalena Anna Hofmann in ihrem dunkelblauen Overall (Kostüme: Anja Rabes) der taxifahrenden Automechanikerin Corky aus Jim Jarmuschs Kultfilm «Night on Earth» von 1991, die Winona Ryder damals als cool-emanzipierte furchtlos-freche Schnute mimte. Diese junge Frau war autark. Wie Elektra. Nur dass sie einen Chevrolet Caprice fuhr und keine ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Flieg, Vogel, flieg!

Die Natur, das substanziell Reale, dessen Kraft Jacques Lacan einmal so idiosynkratisch wie poetologisch «den großen Anderen» nannte, den «Kompass unserer gesamten Existenz», sie ist abwesend an diesem Abend. Weder fließt die Wolga durchs Dorf, noch leuchten Sonne, Mond und Sterne; ja, nicht einmal der Himmel über Kalinów ist zu sehen. Fast wähnt man sich, nicht...

Willkommen zum Soundpainting!

Sieben Produktionen in vier Tagen, davon fünf Uraufführungen, und das mit einem Budget von rund 250.000 Euro: Das ist eine beachtliche Leistung des Teams um die künstlerischen Leiterinnen Christina C. Messner und Sandra Reitmayer beim Kölner Festival «Orbit» für aktuelles Musiktheater. Gespielt wurde in zwei alten, zu Kulturzentren umgenutzten Feuerwachen, im...

Wir arme Leut'

Auf dem Stallerhof nachts um halb eins. Zwei Menschen treffen einander, im gegenseitigen Begehren. Nur sollten sie das, was sie tun, lieber nicht tun; der liebe Gott hat die Unkeuschheit behördlich untersagt und im sechsten seiner zehn Gebote unter strenge Strafe gestellt. Doch was tun, wenn das Verlangen größer ist als die Vernunft? Also geschieht seinesgleichen,...