Die Realität ist boshafter
Zum eindrucksvollsten theatralischen Moment dieser Aufführung geriet der Beginn des dritten Aktes: Ortrud, die Hexe im roten Gewand, breitete inmitten der Bühne zu den strahlenden Klängen des Hochzeitsmarsches ihre Zaubersteine aus. Als ob Europa gerade den Schrecken der Pandemie entronnen wäre und der russische Wahnsinn sich nun anschickte, alles um sich herum zu vernichten.
Zufall oder nicht: Maria Lobanova war die einzige russische Solistin in der Premiere von Wagners «Lohengrin», alle anderen Sängerinnen und Sänger kamen aus europäischen Ländern (Österreich, Kroatien, Deutschland) sowie aus Australien und Südafrika; der Regisseur war aus Kanada angereist.
Am besten gelang der dritte Akt: Tomislav Mužek gereichte es an hinreichender lyrischer Innerlichkeit, um Lohengrin nicht ins «Offizielle» abgleiten zu lassen und ihm ein Eigenleben zu geben; daran konnte selbst die triviale Inszenierung von François Girard nichts ändern. Den traurigsten Eindruck machte der Chor (Valery Borisov): Schon schlimm genug, dass er gleichförmig und stillos sang. Doch die wie festgenagelt auf der Bühne (Tim Yip, der auch die unansehnlichen Kostüme verantwortete) stehenden Choristen waren darüber ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Alexej Parin
Floris Visser stellt Händels Oratorium «Hercules» gleichsam auf den Kopf und erzählt die Geschichte von ihrem Ende her. Wenn sich zur Ouvertüre der Vorhang hebt, sehen wir, wie Dejanira, die unglückliche Mörderin des antiken Heroen, im stummen Spiel den zu den Gestirnen erhobenen Toten auf dem an die Wand ihres Zimmers kartierten Himmelsfirmament sucht. Plötzlich...
Herr Falk, wird man nicht verrückt, wenn man auf der Bühne permanent in existenziellen Nöten steckt? Brauchen Sie manchmal psychologischen Beistand? (lacht) Das ist ja mal eine Frage! Aber im Ernst: Ich glaube, dadurch, dass ich mich immer schon für Grenzerfahrungen interessiere, suchen mich diese Rollen.
Wie nähern Sie sich solchen Rollen? Ganz aktuell Thomas,...
Über Auschwitz schreiben? Eigentlich erscheint dies, und das beileibe nicht nur Adornos vielbemühten (und vieldeutigen) Verdikts wegen, als ein Ding der Unmöglichkeit. Wie soll oder kann man ein Grauen in Worte fassen, das bis heute sprachlos macht? Und darf man dieses sprachlos Machende überhaupt in ästhetische Formen gießen? Liest man die romanhaften Reflexionen...
