Die Realität ist boshafter
Zum eindrucksvollsten theatralischen Moment dieser Aufführung geriet der Beginn des dritten Aktes: Ortrud, die Hexe im roten Gewand, breitete inmitten der Bühne zu den strahlenden Klängen des Hochzeitsmarsches ihre Zaubersteine aus. Als ob Europa gerade den Schrecken der Pandemie entronnen wäre und der russische Wahnsinn sich nun anschickte, alles um sich herum zu vernichten.
Zufall oder nicht: Maria Lobanova war die einzige russische Solistin in der Premiere von Wagners «Lohengrin», alle anderen Sängerinnen und Sänger kamen aus europäischen Ländern (Österreich, Kroatien, Deutschland) sowie aus Australien und Südafrika; der Regisseur war aus Kanada angereist.
Am besten gelang der dritte Akt: Tomislav Mužek gereichte es an hinreichender lyrischer Innerlichkeit, um Lohengrin nicht ins «Offizielle» abgleiten zu lassen und ihm ein Eigenleben zu geben; daran konnte selbst die triviale Inszenierung von François Girard nichts ändern. Den traurigsten Eindruck machte der Chor (Valery Borisov): Schon schlimm genug, dass er gleichförmig und stillos sang. Doch die wie festgenagelt auf der Bühne (Tim Yip, der auch die unansehnlichen Kostüme verantwortete) stehenden Choristen waren darüber ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Alexej Parin
Nordrhein-Westfalen besichtigt in diesen Monaten «Herzog Blaubarts Burg» erstaunlich oft. Am Theater Hagen war Béla Bartóks Psycho-Kurzoper aus dem Jahr 1911 unlängst in einer fantastisch schlüssigen, unter die Haut gehenden Inszenierung von Francis Hüsers zu sehen (siehe OW 3/2022). Im Herbst 2021 kam das Stück in Düsseldorf auf die Bühne (Regie: Demis Volpi) –...
Wie haben wir ihn nicht geschmäht: als Traditionalisten, als Katholiken, gar als Boulevardisten. Das war zu Zeiten, da Darmstadt noch den Vatikan der Neuen Musik beherbergte. Sie sind längst vorbei. Heute blickt man entspannter auf die Musik von Francis Poulenc, zum Beispiel auf die «Dialogues des Carmélites», Poulencs religiöse Oper von 1956 – zumal wenn sie so...
Herr Falk, wird man nicht verrückt, wenn man auf der Bühne permanent in existenziellen Nöten steckt? Brauchen Sie manchmal psychologischen Beistand? (lacht) Das ist ja mal eine Frage! Aber im Ernst: Ich glaube, dadurch, dass ich mich immer schon für Grenzerfahrungen interessiere, suchen mich diese Rollen.
Wie nähern Sie sich solchen Rollen? Ganz aktuell Thomas,...
