Luftsprünge, leuchtend

Sarah Aristidou zeigt auf ihrem Album «Æther», zu welchen erstaunlichen Leistungen eine Stimme fähig ist

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Erstaunlich, was eine Stimme so alles kann. Krakeelen kann sie, krächzen, kichern, krähen, kratzen, klopfen, klagen, kreischen. Und sie kann noch mehr: stammeln, stöhnen, seufzen, schwärmen und schreien. Das sei zu viel der geräuschhaften Zumutungen? Nicht, wenn der Komponist Jörg Widmann heißt und die Interpretin Sarah Aristidou.

Zehn Minuten lang mäandert sie in den soeben beschriebenen vokalen Entblößungsformen durch Widmanns «Labyrinth V» für A-cappella-Sopran, durch ein Stück Musik, das die Ränder des Singens (so man überhaupt noch vom «Singen» sprechen kann) ins Weite dehnt, wie einen riesigen, kobragleichen Kaugummi, und in jene akrobatischen Gefilde vorstößt, die wohl nur der- und diejenige betreten kann, dem eine Stimme in die Wiege gelegt wurde, die das Entgrenzte, Überschreitende in sich trägt. 

Die französisch-zypriotische Koloratursopranistin besitzt ein solches Organ und ebenfalls die Möglichkeiten, es in vielfältigster Weise einzusetzen. Beleg ist ihr Debütalbum «Æther», auf dem Aristidou Werke aus vier Jahrhunderten interpretiert und diese einem Konzept subsumiert, das sie im Booklet selbst wortreich (und mit einem leichten Hang zur Esoterik) erläutert: «Im ...

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Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 34
von Jürgen Otten

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