Luftsprünge, leuchtend
Erstaunlich, was eine Stimme so alles kann. Krakeelen kann sie, krächzen, kichern, krähen, kratzen, klopfen, klagen, kreischen. Und sie kann noch mehr: stammeln, stöhnen, seufzen, schwärmen und schreien. Das sei zu viel der geräuschhaften Zumutungen? Nicht, wenn der Komponist Jörg Widmann heißt und die Interpretin Sarah Aristidou.
Zehn Minuten lang mäandert sie in den soeben beschriebenen vokalen Entblößungsformen durch Widmanns «Labyrinth V» für A-cappella-Sopran, durch ein Stück Musik, das die Ränder des Singens (so man überhaupt noch vom «Singen» sprechen kann) ins Weite dehnt, wie einen riesigen, kobragleichen Kaugummi, und in jene akrobatischen Gefilde vorstößt, die wohl nur der- und diejenige betreten kann, dem eine Stimme in die Wiege gelegt wurde, die das Entgrenzte, Überschreitende in sich trägt.
Die französisch-zypriotische Koloratursopranistin besitzt ein solches Organ und ebenfalls die Möglichkeiten, es in vielfältigster Weise einzusetzen. Beleg ist ihr Debütalbum «Æther», auf dem Aristidou Werke aus vier Jahrhunderten interpretiert und diese einem Konzept subsumiert, das sie im Booklet selbst wortreich (und mit einem leichten Hang zur Esoterik) erläutert: «Im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 34
von Jürgen Otten
Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns...
PERSONALIEN, MELDUNGEN
JUBILARE
Matti Lehtinen absolvierte seine Ausbildung an der Sibelius-Akademie in Helsinki und an der Opernschule der Kungliga Operan in Stockholm. 1949 debütierte er als Papageno in Mozarts «Zauberflöte» an der Finnischen Nationaloper und wurde Ensemblemitglied. Im Jahr darauf gewann der Bariton den Internationalen Concours de Genève. 1952–55...
Ein Satz wie ein Keulenschlag: «Die Menschen sterben und sind nicht glücklich.» Der ihn verkündet, kurz nachdem seine geliebte Schwester Drusilla gestorben ist, kreist selbst zeitlebens um ihn – zumindest in Detlev Glanerts «Caligula», das, frei nach Camus’ gleichnamigem (existenzialistischen) Drama, den Verfall eines Menschen zeichnet, der sich im Angesicht des...
