Die nackte Gewalt
Der Anfang ist eigentlich schon das Ende. Ein Mann im schwarzen Anzug, allein und einsam auf weiter, weißer Flur (Bühne: Klaus Grünberg). Wir ahnen, es ist der Titelheld, jener legendenumsponnene Pharao, der im 14. Jahrhundert v. Chr. eine Zeitlang über Ägypten herrschte und von dem man wenig mehr weiß. Und selbst dieses Wenige hüllt seine Gestalt mehr in Nebel, als dass sie seinen wahren Charakter offenbaren würde. So tief der Brunnen der Vergangenheit ist, so tief muss man auch schürfen, um Echnaton auf die Spur zu kommen. Seiner Gestalt, seinem Wesen, seinem Schicksal.
Barrie Kosky versucht es in seiner Inszenierung von Philip Glass’ Musiktheater «Akhnaten», dem letzten Teil einer Personen-der-Weltgeschichte-Trilogie (nach «Einstein on the Beach» und der Gandhi-Oper «Satyagraha»), erst gar nicht. Mit dem Gespür des klugen, phantasiebegabten Regisseurs entscheidet er sich dafür, Echnaton als Epiphanie zu zeichnen, als Symbol, Alle -gorie, als Fiktion seiner selbst. Das ist schon deswegen einleuchtend, weil man eine geschlagene Dreiviertelstunde warten muss, bis Countertenor John Holiday den ersten Ton singt. Vorher ist er, wie die meisten anderen Figuren, Teil einer Zeremonie, ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Jürgen Otten
Unter Mozarts Da-Ponte-Opern gibt der «Don Giovanni» die größten Rätsel auf. Schon die Bezeichnung Dramma giocoso evoziert jene gespannte Ambivalenz, zwischen der das Stück quasi in der Luft zu hängen scheint. Andererseits bietet die Stellung zwischen Komödien-Himmel und Drama-Hölle ausreichend Raum für exzessive Experimente. Bereits in den 1980er-Jahren verlegte...
Ein paar Zentimeter sind es nur, aber in diesem Moment, beim letzten Zusammentreffen von Tatjana und Onegin, fühlt es sich an wie ein Theatercoup. Ein Bühnenrechteck mit beiden fährt nur eine Handbreite nach oben, hier aber macht das den Eindruck einer Himmelfahrt. Solch eine Detailwirkung kann es nur geben, wenn eine Aufführung mit extremer Ökonomie der szenischen...
Im Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert waren Opernaufführungen in Rom verboten. Die amtierenden Päpste sahen im weltlichen Musiktheater Symptome menschlicher Verdorbenheit, die es zu bekämpfen galt. Die römischen Liebhaber und Förderer der Musik wussten sich aber zu helfen und gaben statt Opern Oratorien in Auftrag, die sie nicht in Theatern, sondern in privaten...
