Die Möglichkeit einer besseren Welt

Während der Weimarer Republik war das Oldenburgische Staatstheater ein Zentrum künstlerischer Innovation, in den Nazi-Jahren war die Stadt eine Hochburg der NSDAP. Erinnerungskultur und politische Wachsamkeit gehören heute zur DNA des Viersparten-Hauses

Opernwelt - Logo

Auf den Stufen zur Oldenburger Friedenssäule haben es sich zwei junge Frauen in Jeansjacke und Sonnenbrille bequem gemacht. Sie blinzeln zufrieden in den Frühlingshimmel und trinken heißen Tee aus mitgebrachten Thermoskannen. Der Sockel der 6,5 Meter hohen Säule ist leer. Ursprünglich stand ein Engel aus Bronze darauf, doch der wurde 1943 eingeschmolzen, um den deutschen Vernichtungskrieg zu finanzieren. Geblieben ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Leerstelle.

Sie steht symbolisch für die Menschen, die von der Geschichte vergessen und aus der öffentlichen Erinnerungskultur herausgefallen sind. Viele von ihnen – das dürfte keine große Überraschung sein –waren Frauen. Ihnen widmet das Staatstheater einen geführten Audiowalk unter dem Titel «Wir werden uns erinnert haben». Ein Cyborg namens MesyneMo, eine sogenannte «erinnernde Intelligenz», führt durch die Innenstadt, erinnert an wichtige Oldenburgerinnen und stellt den Prozess des Erinnerns in den Kontext gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse: «Orte des Erinnerns sind umkämpft. Sie sind Teil einer Diskussion um die Anerkennung auch von kolonialer und rassistischer Gewalt, um die Erinnerung an die Geschichte von marginalisierten ...

Die Welt, auch die der Oper, ist ungerecht. Während man den Großen stets, und sei es auch noch so kritisch, huldigt, führen die Kleinen meist ein Dasein im Schatten, sprich: Man bemerkt sie kaum. Doch gerade in den Darstellenden Künsten und hier insbesondere in der Oper liegt der große Gewinn in der Vielfalt. Und was das angeht, schauen die benachbarten Länder sehnsuchtsvoll nach Deutschland. Es ist dies nach wie vor das Land mit der größten Theaterdichte weltweit. Und das berühmte deutsche Stadttheater gewissermaßen das Fundament dieses Reichtums. Diesen vor Ort in Augenschein zu nehmen, ist Anlass und Impuls für die Serie «Opernwelt auf Landpartie», in der wir in loser Folge und von A bis Z die kleineren Häuser porträtieren.

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2026
Rubrik: Opernwelt auf Landpartie, Seite 64
von Anna Schors

Weitere Beiträge
Das Grauen geht weiter

Dieser «Wozzeck» ist ein Naturereignis – in doppeltem Sinne. Zum einen gilt das für die ganze Aufführung: Im Nu ist man gefangen in einer düsteren Phantasmagorie, einer dunklen Welt mystischen Leidens voll süßer Schmerzen und gruseliger Rätsel, in der Verschwisterung mittelalterlicher und neuzeitlicher, im wahrsten Sinne brand -aktueller Dystopien, die optisch an...

Gold, Rausch, heiliger Wahn

Geschichten gibt’s, die gibt es eigentlich gar nicht. Es sei denn, die illustre, skurrile Runde der Serapions-Brüder hat wieder einmal ein Treffen anberaumt, um dem Phantastischen weiten Raum zu gewähren. Aus den Treffen dieser von E. T. A. Hoffmann «gegründeten» Gesellschaft literarisch bewanderter Freunde gingen so namhafte Erzählungen wie «Nussknacker und...

Gegen das Gegröle

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust – auf dem Cover ihres Albums «Rondos for Adriana» bringt Adriana González Fausts legendären Seufzer sinnfällig ins Bild. Mit dem Lächeln Mona Lisas posiert die 35-jährige Sopranistin mal in weißer, mal in schwarzer Robe und macht so das bianco e nero des «Canto di sbalzo» sichtbar. Ein Stil, der zu Mozarts Zeiten ungemein...