Gold, Rausch, heiliger Wahn
Geschichten gibt’s, die gibt es eigentlich gar nicht. Es sei denn, die illustre, skurrile Runde der Serapions-Brüder hat wieder einmal ein Treffen anberaumt, um dem Phantastischen weiten Raum zu gewähren. Aus den Treffen dieser von E. T. A. Hoffmann «gegründeten» Gesellschaft literarisch bewanderter Freunde gingen so namhafte Erzählungen wie «Nussknacker und Mausekönig», «Die Bergwerke zu Falun» oder «Meister Martin der Küfner und seine Gesellen» hervor. Die vielleicht abgründigste, absurdeste Novelle aber trägt den Titel «Das Fräulein von Scuderi».
Diese, 1819 publiziert, schildert einen Kriminalfall der besonderen Art aus der Zeit des Sonnenkönigs Louis XIV, dem sogar ein Auftritt gewährt wird. Im Mittelpunkt der überaus verzwickten Handlung stehen zwei Personen: die Dichterin Madeleine de Scudéry, «bekannt durch ihre anmutigen Verse», und René Cardillac, ein Goldschmied von höheren Gnaden und niederer Gesinnung, kurzum: ein Künstler und Mörder.
Das ist er auch noch in Paul Hindemiths nach ihm benannter «Oper in drei Akten» von 1926, die in ihren Grundzügen Hoffmanns phantastischer Novelle folgt, jedoch einige signifikante Differenzen aufweist: Das Fräulein von Scuderi (im ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Jean-Baptiste Lully und sein Librettist Philippe Quinault wollten mit der Erfindung der Tragédie en musique, der gesungenen Tragödie, dem klassischen Versdrama Corneilles und Racines ein Gesamtkunstwerk aus Wort und Ton, Gesang und Tanz zur Seite stellen – erstmals mit «Cadmus et Hermione» 1673, dem dann bis zu Lullys Tod 1687 Jahr für Jahr ein neues folgte....
Auf den Stufen zur Oldenburger Friedenssäule haben es sich zwei junge Frauen in Jeansjacke und Sonnenbrille bequem gemacht. Sie blinzeln zufrieden in den Frühlingshimmel und trinken heißen Tee aus mitgebrachten Thermoskannen. Der Sockel der 6,5 Meter hohen Säule ist leer. Ursprünglich stand ein Engel aus Bronze darauf, doch der wurde 1943 eingeschmolzen, um den...
Am Anfang war das heilige Wort, am Ende steht das losgelassene Mundwerk: Auf diese laxe Formel könnte man die 1000-jährige Entwicklung von der einstimmigen Gregorianik zur experimentellen Avantgarde der Gegenwart bringen, die das Wort zertrümmert, seine Semantik negiert und es in seine phonetischen wie akustischen Bestandteile zerlegt. Das Singen selbst wird zu...
