Das Grauen geht weiter
Dieser «Wozzeck» ist ein Naturereignis – in doppeltem Sinne. Zum einen gilt das für die ganze Aufführung: Im Nu ist man gefangen in einer düsteren Phantasmagorie, einer dunklen Welt mystischen Leidens voll süßer Schmerzen und gruseliger Rätsel, in der Verschwisterung mittelalterlicher und neuzeitlicher, im wahrsten Sinne brand -aktueller Dystopien, die optisch an Netflix & Co. geschult sind.
Neunzig pausenlose, außerordentlich dichte Minuten lang hält einen dieses Geschehen gefangen.
Am Pult erzielt Vassilis Christopoulos als sorgfältiger Sachwalter von Alban Bergs zugleich genial gebauter und genial erfühlter Partitur mit klar ordnender Hand ein niemals gehetztes, aber doch zielstrebiges Vorwärts. Nicht jeder Ton der Grazer Philharmoniker gelingt perfekt, aber immer treffen sie den Ausdruck und haben die Instrumentalsoli Charakter. Auf die so erzielte Spannung reagiert das Premierenpublikum, indem es auch zwischen den Akten nicht zu applaudieren wagt. Da es auch in diesen Minipausen fast so schnell weitergeht wie von Szene zu Szene, erhält das Ganze eine filmische, quasi-realistische Konsequenz. Zum Naturereignis wird Evgeny Titovs Inszenierung aber auch, weil sie im ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Walter Weidringer
Am Anfang war das heilige Wort, am Ende steht das losgelassene Mundwerk: Auf diese laxe Formel könnte man die 1000-jährige Entwicklung von der einstimmigen Gregorianik zur experimentellen Avantgarde der Gegenwart bringen, die das Wort zertrümmert, seine Semantik negiert und es in seine phonetischen wie akustischen Bestandteile zerlegt. Das Singen selbst wird zu...
Am Anfang ist der Ton. Oder besser: Es sind vier Töne. Eine kleine Sekunde aufwärts, eine kleine Sekunde abwärts, dann ein Quartfall. Vier Töne, vier Silben: O-ce-a-ne. Noch bevor Oceane von Parceval, die geheimnisvolle Protagonistin von Detlev Glanerts gleichnamiger Oper, auf der Bühne erscheint, ist die Melodie ihres Namens schon präsent – als unbegleitete...
Kopf und Körper bandagiert, an den Rollstuhl gefesselt, Brille: Eine lebende Mumie ist dieser Mann, wie implantiert aus einem Beckett-Stück. Und auch die schnelle Verjüngung dank teuf -lischer Mächte ändert wenig: Aus diesem Endspiel in Kriegszeiten findet Faust nicht mehr heraus. Das Jenseits bleibt allgegenwärtig. Weiß Geschminkte wandeln wie lebende Tote durch...
