Das Grauen geht weiter

Evgeny Titov vermengt in Bergs «Wozzeck» an der Oper Graz überaus gekonnt christliche Anspielungen, Symbolismus und Wimmelbilder. Vassilis Christopoulos erweist sich als sorgfältiger Sachwalter der Partitur

Opernwelt - Logo

Dieser «Wozzeck» ist ein Naturereignis – in doppeltem Sinne. Zum einen gilt das für die ganze Aufführung: Im Nu ist man gefangen in einer düsteren Phantasmagorie, einer dunklen Welt mystischen Leidens voll süßer Schmerzen und gruseliger Rätsel, in der Verschwisterung mittelalterlicher und neuzeitlicher, im wahrsten Sinne brand -aktueller Dystopien, die optisch an Netflix & Co. geschult sind.

Neunzig pausenlose, außerordentlich dichte Minuten lang hält einen dieses Geschehen gefangen.

Am Pult erzielt Vassilis Christopoulos als sorgfältiger Sachwalter von Alban Bergs zugleich genial gebauter und genial erfühlter Partitur mit klar ordnender Hand ein niemals gehetztes, aber doch zielstrebiges Vorwärts. Nicht jeder Ton der Grazer Philharmoniker gelingt perfekt, aber immer treffen sie den Ausdruck und haben die Instrumentalsoli Charakter. Auf die so erzielte Spannung reagiert das Premierenpublikum, indem es auch zwischen den Akten nicht zu applaudieren wagt. Da es auch in diesen Minipausen fast so schnell weitergeht wie von Szene zu Szene, erhält das Ganze eine filmische, quasi-realistische Konsequenz. Zum Naturereignis wird Evgeny Titovs Inszenierung aber auch, weil sie im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Walter Weidringer

Weitere Beiträge
Zu Scherben zersplittert

Ach ja, das Ende. Heiß umstritten ist es bis heute, ziemlich genau 100 Jahre nach der politisch brisanten Uraufführung an der Mailänder Scala – Arturo Toscanini hatte sich für den Fall, dass Benito Mussolini im Saal sitzen und zu dessen Ehre die Hymne der Faschisten, die sogenannte «Giovinezza», gespielt werden würde, geweigert, den Abend zu dirigieren, und ging...

Buddhistisches Allerlei

Param Vir, indisch-britischer Komponist, ist schon 1992 bei der seinerzeit von Hans Werner Henze geleiteten Münchener Biennale in Erscheinung getreten mit zwei Operneinaktern, in denen es um buddhistische Fabeln ging. Danach erschienen im großen Abstand zwei weitere Musiktheaterwerke und nun in Bonn eine neue Oper über Siddhartha Gautama und seinen Weg zum Buddha....

Du edles Angesicht!

Beginnen wir mit einer persönlichen Erinnerung – einer Begebenheit, die sich vor mehr als 25 Jahren zutrug. Es war Frühling in Buenos Aires. Die Jacaranda-Bäume am Rande der belebten Plazas blühten, auf den vierspurigen Avenidas küssten sich die Stoßstangen, und in den U-Bahnen stand man so hauteng beieinander, dass es schier unmöglich war, sich nicht in...