Die Macht und das Mädchen
Im Anfang ist die wortlose Wollust. Aber sie ist, trotz der versöhnlich dahinströmenden Klänge im Graben, falsch: einseitig, dominant, unnachgiebig. Ein alter Mann beugt sich an einem schlichten Küchentisch über eine viel zu junge, nur mit einer bordeauxroten Bluse bekleidete Frau, bügelt die Wehrlose brachial platt, spreizt ihre Beine und dringt mechanisch auf sie ein.
Bevor es jedoch zum Schlimmsten kommt, betritt ein zweites weibliches Geschöpf, dem ersten verdächtig ähnlich, allerdings in schwarzen Jeans, weißer Bluse und grauem, bis über die Knie reichenden Kapuzenmantel den Raum, fläzt sich störrisch in einen modernen Drehsessel und unterbricht so das gespenstische Tête-à-Tête. Der Alte, in dem wir Johannas Vater erkennen, wendet sich vom Objekt seiner sinistren Begierde ab, das Mädchen verschwindet. Musik.
Mit diesem Entrée entblättert Lotte de Beer am Theater an der Wien sogleich ihre grundsätzliche Idee von jenem Stück, das bis heute ein Schattendasein fristet unter Tschaikowskys Bühnenwerken. Als eine epische Oper aus dem Geist der französischen Grand Opéra wollte der Komponist seine Adaption von Schillers Drama «Die Jungfrau von Orleans» verstanden wissen; zwei Jahre ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
In der Musik das Leben der Tschechen!» Bedřich Smetanas Motto markiert schlaglichthaft die Verbindung von Nation und Tonkunst. So schön dies auch klingen mag, so unvermeidlich führt die Formel auch auf vermintes Terrain: das der «Völkerpsychologie» – fatal, weil hier Halbfalsches und Halbwahres ineinandergreifen, wobei gerade Letzteres oft sogar gefährlicher ist....
Einen Filmregisseur für eine Inszenierung von «La fanciulla del West» einzuladen, ist naheliegend, enthält Giacomo Puccinis Oper aus dem Jahr 1910 doch alle Topoi des zeitgleich entstehenden Filmwestern. Dabei bedient Andreas Dresen diese Topoi an der Bayerischen Staatsoper keineswegs. Keinen Saloon hat ihm der Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau gebaut, sondern...
Wolfgang Rihms «Jakob Lenz» hat in Frankreich gerade Konjunktur. Zwei Monate vor dem Festival in Aix-en-Provence, bei dem Andrea Breth ihre Stuttgarter Deutung erneut vorlegen wird (am Pult: Ingo Metzmacher), war das Stück nun bereits im Pariser Théâtre de l’Athénée zu erleben, das sich unter der Leitung seines Direktors Patrice Martinet seit Jahren verstärkt dem...
