Stöhnen und Jauchzen, Zittern und Zagen

Beim Frühjahrsfestival der Opéra de Lyon inszeniert Andriy Zholdak, von Musikchef Daniele Rustioni kongenial beflügelt, Tschaikowskys späte «Zauberin» als Passion totaler Überwachung – ein Geniestreich, neben dem David Martons Crossover-Bearbeitung von Purcells «Dido and Aeneas» verblasst

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Tschaikowsky hielt sie für seine beste Oper – und das will etwas heißen bei diesem stets an sich selbst zweifelnden Komponisten: «Tscharodeika» oder «Die Zauberin» aus dem Jahre 1887 (genau genommen müsste der deutsche Titel eigentlich «Die Bezaubernde» lauten), ein Werk, das (fast) niemand kennt. Nun die französische Erstaufführung in Lyon: eine Wucht! Zwar versteht man, warum das Stück nie wirklichen Erfolg hatte, selbst in Russland nicht. In seiner drittletzten Oper (es folgten nur noch «Pique Dame» und «Iolanta») versucht Tschaikowsky sehr viel auf einmal.

Im Mittelpunkt steht eine junge Frau mit einem für damalige Standards skandalösen Lebenswandel. Als Betreiberin einer Schenke verdreht sie allen Männern den Kopf. Im ersten Akt sehen wir vor allem das «Volk». Pralle Chorszenen betonen das Pöbelhafte gefährlichen Gesindels. Offensichtlich orientierte sich der Librettist Schpazhinski an Puschkins grellem «Boris Godunow» und damit indirekt an Shakespeare. Auch der Komponist zielt – sieben Jahre nach Mussorgskys Tod – auf eine Darstellung russischer Geschichte «von unten».

Im Gegensatz zu Mussorgskys Puschkin-Bearbeitung spielt Tschaikowskys Oper nicht in Moskau, sondern in der ...

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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Anselm Gerhard

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