Die künstliche Mutter
Diesem Gott darf man nicht trauen: Keine Heilsgestalt, sondern heimtückischer Anführer einer Sex-Sekte ist der Dionysos, der im bedrückten Theben auftaucht. Und der verheißungsvoll morgendämmernde Schluss von Hans Werner Henzes «Bassariden», seinem wohl bedeutendsten Bühnenwerk, markiert nichts anderes als den Wechsel von politischer Instabilität zur Grabesruhe einer Glaubensdiktatur. So sieht es zumindest Tilman Knabe, der mit der 1966 uraufgeführten Euripides-Oper an der Staatsoper Hannover für einen umstrittenen Saisonstart sorgt.
Dergleichen Testbohrungen nach tiefer gelegenen Sinnschichten sind natürlich erlaubt, und die verärgerten Buhrufer in der Premiere dürften sich weit weniger an dieser Umdeutung und der Verlagerung des Geschehens in die sechziger Jahre gestört haben als vielmehr an den Kopulationsorgien in Feinripp, zu denen der neue Sex-Guru das Volk animiert. Dieses folgt dem Aufruf zur Sünde ausgiebig. In der Zwischenzeit nimmt sich Dionysos den Thebanerkönig Pentheus vor, nachdem er ihn mit einem langen Kuss davon überzeugt hat, endlich einmal seine weibliche Seite auszuleben. Der König wird zur Drag Queen, die Bassariden mutieren zum tragischen Coming-Out-Drama ...
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