Die Fantasien sind frei
Zweimal eine Staatstheater-«Carmen» im Abstand von 170 Kilometern Luftlinie, zwei ehrgeizige Ansätze: der eine spektakulärer, der andere näher dran. Beide Abende, so unterschiedlich sie sind, blenden das Thema Tod so weit aus, wie es möglich ist, wenn in einer Oper alles auf den Tod hinausläuft. Und weder da noch dort, das ist konsequent, wird es auch nur für einen Moment still, wenn der Torero Bizets Gassenhauer singt, der doch im Zusammenhang seine existenzielle Wucht zurückgewinnen kann. Einmal denkt Carmen im Übrigen gar nicht daran, sich umbringen zu lassen.
Die spektakulärere Variante ist am Staatstheater Kassel zu erleben. Das liegt vor allem an der Eröffnung der «Antipolis», der neuen Zuschauerinstallation, die in den Theaterraum hineingebaut wurde. Wie ein riesiges bestuhltes Baugerüst auf drei Ebenen rahmt sie Hauptbühne und Seitenbühnen (herkömmliche Saalplätze gibt es aber auch). In der Mitte eine Fläche, auf der vor dem Orchester gespielt werden kann, weitere Spiel -nischen gibt es in der Installation. Es braucht Bildschirme, Kameraleute sind unterwegs. Dass auch der Gesang teils (dezent) verstärkt wird, dürfte unvermeidlich sein. «Antipolis» ist die weit opulentere ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 20
von Judith von Sternburg
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Kurz ist er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber intensiv. Und voller Widerstandsgeist. Verantwortlich dafür ist insbesondere jene junge Pariserin mit dem charmant-altmodischen Vornamen Clairette, die man in den Gassen rund um das Quartier des Halles gut kennt und ihres couragierten Charakters wegen schätzt, die aber über die Grenzen Frankreichs kaum bekannt sein...
