Blitze, vereinzelt
Das Repertoire ist groß, aber das das ungespielte Repertoire viel größer. Dazwischen aber hält die Rezeptionsgeschichte für Komponisten noch ein Fegefeuer bereit, wo über Himmel oder Hölle entschieden wird, über Aufstieg oder Abstieg. Die Urteilsfindung dauert mitunter Jahrzehnte.
Alberto Franchetti (1860–1942) schien eine Zeitlang das Paradies offenzustehen, doch seitdem ihn die Faschisten mit einem Aufführungsverbot belegten, befindet er sich in jenem Zwischenreich unklarer Perspektiven: Wohin mit ihm? Die Frage wurde auch hierzulande gestellt, schließlich hatte er einen deutschen Pass. Wirklich beantwortet wurde sie nicht. An Berlins Deutscher Oper versuchte man sich 2006 an seinem lyrischen Drama «Germania», Bonn brachte vor einem Jahr Franchettis Erstling «Asrael» auf die Bühne, und jetzt sorgte Annaberg-Buchholz gar für eine Uraufführung. Helmut Krausser hat «Don Buonaparte» ausgegraben, Franchettis letztes Werk, geschrieben 1939, eine Opera buffa von begrenztem Witz, aber großem Charme. Don Geronimo erfährt, dass sich sein Neffe, den er zuletzt in Ajaccio als Kleinkind sah, unlängst zum Kaiser der Franzosen gekrönt hat und ihn, den toskanischen Dorfpfarrer, zum Kardinal ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Volker Tarnow
Vielleicht war es Zufall, vielleicht sublime Dramaturgie. Zwei Aufführungen des Teatro Real an aufeinander folgenden Tagen boten in Madrid Variationen eines Opernurstoffs: eine Frau zwischen zwei Männern. Die Uraufführung «La Regenta» von Marisa Manchado Torres fand nicht im Haupthaus statt, sondern in einem Saal des 2006 eröffneten Kulturzentrums Matadero. Der...
Frau Mijnssen, von dem ungarisch-jüdischen Schriftsteller Imre Kertész stammt die bemerkenswerte Sentenz, nur Kunst, die Wunden weitergibt, sei etwas wert. Was denken Sie, hat Kertész recht?
Das ist ein richtig schöner Satz, großartig. Er berührt mich sehr, nicht zuletzt auch, weil Kertész damit wunderbar zum Ausdruck bringt, was ich in jeder meiner...
Deutschland 1923. Eine Nation ist in Nöten. Ist es, mit zunehmender Dauer dieses Jahres, immer mehr. Die Inflation, die längst keine normale Preissteigerung ist, sondern Züge des Absurden trägt, zwingt das Land in die Knie, Lebensmittel werden knapp und knapper, die Ökonomen sind ratlos, die Folgen der gewaltigen Reparationszahlungen nicht mehr zu bändigen, auch...
