Der Welt abhanden gekommen
Wenn sich ein Problem nicht lösen lässt, ist es intelligent, es aus einer anderen Perspektive anzuschauen. Richard Wagner erzeugt im «Tannhäuser» ebenso wie im «Parsifal» eine Dichotomie zwischen Religion und Sexualität, die selbst für das 19. Jahrhundert radikal ist.
Schon deshalb darf Tobias Kratzers Inszenierung für die Bayreuther Festspiele aus dem Jahr 2019 als intelligent gelten: Er übergeht den Konflikt und ersetzt ihn durch einen anderen – den zwischen Hochkultur und Popkultur, dem bürgerlichen Musikkult im Tempel am Grünen Hügel und der anarchistischen Welt der Venus, die sich letztlich ebenso als bürgerlich, weil vermarktbar erweist. Man muss die Produktion nicht mehr rühmen, entgegen ursprünglicher Planung soll sie auch im kommenden Jahr wieder gezeigt werden. Das ist umso richtiger, als sie in diesem Sommer mit der Dirigentin Nathalie Stutzmann endlich eine passende Partnerin auf musikalischer Ebene gefunden hat.
Der wohl endgültige Durchbruch der Altistin als Taktgeberin kommt nicht über Nacht, sie gehört auch nicht zu denen, bei denen das Dirigieren den Spätherbst einer Sängerkarriere verlängert. Stutzmann dirigiert schon lange, hat den «Tannhäuser» schon 2017 in der ...
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Opernwelt 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 7
von Michael Stallknecht
In Plovdiv hat das Wort «Kultur» viele Gesichter. Die Einwohner sind stolz, in der ältesten Stadt Europas zu leben – erste Spuren reichen sechs Jahrtausende zurück. Orthodoxe Christen, Juden, Muslime und Katholiken lebten lange Zeit meist friedlich zusammen; im 19. Jahrhundert wurde hier der erste bulgarische Literaturverlag gegründet. 2019 war Plovdiv bekanntlich...
Der Satz ist beinahe schon ein Gedicht. Blumig-barock, beredt und beseelt von der Aura erlesener Formulierungskunst: «Wenn die Regeln des Umgangs nicht bloß Vorschriften einer konventionellen Höflichkeit oder gar einer gefährlichen Politik sein sollen, so müssen sie auf die Lehren von den Pflichten gegründet sein, die wir allen Arten Menschen schuldig sind, und...
Am Ende hat die Grals-Ente Nachwuchs bekommen. Ferngesteuert fährt sie damit auf Rädern herein, und es folgt – ganz wie beim «Parsifal» oben im Festspielhaus – ein Happy End. Sogar der böse Zauberer Klingsor darf wieder zu den Gralsrittern gehören, nachdem er ein halblautes «Tschuldigung» gemurmelt hat. Wenn das Bühnenweihfestspiel auf der Probebühne IV für Kinder...
