Der Mob als Subjekt
Wer hat Lenski auf dem Gewissen? Eigentlich eine Frage, die man gar nicht stellen muss. Sowohl aus der Puschkin-Vorlage als auch aus Tschaikowskys Oper geht schließlich klar hervor, dass Onegin ihn getötet hat. Warum aber fordert Lenski seinen besten Freund überhaupt zum Duell? Sicher nicht, weil er ernsthaft befürchtet, Onegin könnte ihm die Verlobte ausspannen. Eher, weil der Flirt auf der Tanzfläche vor aller Augen seinen gesellschaftlichen Stand untergräbt. Ihn und Olga Tratsch und Skandalgeflüster aussetzt. Eine unbefangen ehrbare Zukunft von vornherein unmöglich macht.
So weit, so gut. Doch von hier bis zu der Behauptung, dass die Menge Lenskis Tod direkt zu verantworten hat, ist es ein langer Weg. In der Inszenierung, die Vasily Barkhatov erst für Sankt Petersburg und Vilnius versehen, dann für Stockholm und Wiesbaden noch einmal eingerichtet hat, liefert die Idee den Schlüssel zum gesamten Drama. Das eigentliche Duell kommt gar nicht zustande. Auf den Klippen über dem Fischerdorf, wo die verarmte Larina und ihre Familie gezwungenermaßen residieren, versammelt sich in der Morgendämmerung der schaulustige Mob – so versessen sind die Leute auf das Spektakel, dass Lenski im ...
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