Der Kongress tanzt
Kakanien, versunkenes Riesenreich. Wie es war, wie es vielleicht noch sein könnte, wäre es nicht 1918 in den Ruhestand versetzt worden, darüber gibt uns Robert Musil, einer der größten Literaten des 20.
Jahrhunderts, äußerst beredtblümerant (und mit dem inhärenten Subjektivismus des phantasiebegabten Schriftstellers) Auskunft: «So oft man in der Fremde an dieses Land dachte», lesen wir in Musils unvollendetem opus magnum «Der Mann ohne Eigenschaften», «schwebte vor den Augen die Erinnerung an die weißen, breiten wohlhabenden Straßen aus der Zeit der Fußmärsche und Extraposten, die es nach allen Richtungen wie Flüsse der Ordnung, wie Bände aus hellem Soldatenzwillich durchzogen und die Länder mit dem papierweißen Arm der Verwaltung umschlangen». Wie weit sich Kakanien dehnte, nach Osten und Westen, nach Süden und Norden, auch das beschreibt der Romancier in der ihm eigenen Poetik: «Gletscher und Meer, Karst und böhmische Kornfelder gab es dort, Nächte an der Adria, zirpend von Grillenunruhe und slowakische Dörfer, wo der Rauch aus den Kaminen wie aus aufgestülpten Nasenlöchern stieg und das Dorf zwischen zwei kleinen Hügeln kauerte, als hätte die Erde ein wenig die Lippen geöffnet, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2026
Rubrik: Magazin, Seite 83
von Jan Verheyen
Die Braut trägt Weiß. Aber ist es das falsche Kleid. Es fehlen Spitzen, Rüschen und Schleppe, es fehlt das gesamte, für einen solchen Anlass notwendige Ornat. Und auch der Ort, an dem sie sich aufhält, atmet nicht jene zeremonielle Aura, die ihr die Natur zugedacht hat, um ihren geliebten Edgardo in die Arme zu schließen. Lucia di Lammermoor vegetiert, einen...
Ein Bild und seine Geschichte – mit diesem Untertitel hat der Verlag Schirmer/Mosel eine Reihe von schmalen Bändchen versehen, in dem ikonische Momente der Zeitgeschichte, Kunstwerke mit außerordentlichem Subund/oder Kontext vorgestellt werden. Dazu gehören bislang etwa die von Barbara Klemm festgehaltene Öffnung des Brandenburger Tors in Berlin am 22. Dezember...
Im vergangenen Februar wurde die Produktion nochmals dem Fundus entrissen. Für Tenorissimo Michael Spyres, der an der Donau seinen ersten Florestan sang – malerisch zerlumpt, wie es in Otto Schenks Regie-Oldtimer so Sitte war. Wobei Regie: Von diesem «Fidelio» war ohnehin nur noch die Kulissenhülle eines Günther Schneider-Siemssen übrig. 55 Jahre hatte die...
