Der besondere Saft
Es wird viel Blut vergossen. Schon während des Vorspiels. Ein Video zeigt eine weiße Leinwand, in die eine Messerklinge langsam einen Schlitz schneidet, aus dem zäh der ganz besondere Saft tropft. Mit Blut besudelt ist auch Harald B. Thors weißes, an faschistische Machtarchitektur erinnerndes Einheitsbühnenbild, und üppig strömt es stets aus Amfortas’ Wunde. Im dritten Akt wirken die Blutspuren an den Wänden wie ein fein gearbeiteter Fries.
Die weiß gewandeten Gralsritter sehen zunächst aus wie Mitarbeiter der Spurensicherung, dann tragen sie die Käppchen von Burschenschaftlern, später erinnern sie an Freimaurer. Gustav von Aschenbach in Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung stand offensichtlich Pate für Gurnemanz’ noblen Gehrock nebst Goldrandbrille und Spazierstock; Parsifal dagegen wird aus dem auf die Bühne gespiegelten Zuschauerraum als Premierenbesucher unfreiwillig herausgeholt, bevor Kostümbildnerin Tanja Hofmann ihn im Matrosenanzug vorführt. Auch Kundry muss häufig die Kleider wechseln: Militärmantel, giftgrünes 50er-Jahre-Kleid, schwarze Spitze und Cosimas wippender Reifrock (der im Klingsor-Akt auch riesenhaft von der Decke schwebt, bevor die Blumenmädchen drunter ...
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Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Regine Müller
Manchmal entpuppen sich Konflikte, die man für aktuell hält, als verblüffend alt. Afghanistan ist ein von Warlords und lokalen Clanführern zerrissenes Land? Der Iran spielt mit den Muskeln und will regionaler Hegemon werden? Alles so oder so ähnlich schon mal dagewesen – eine Barockoper zeigt es. 1709 hat der afghanische Stammesfürst Mir Wais die Provinz Kandahar...
Zeitgenössische Opern sollten nach ihrer Uraufführung eine zweite Chance erhalten. Von dieser kulturpolitisch sinnvollen Forderung profitieren leider selten die sperrigen Werke (es sei denn, sie genießen den Kultstatus von Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern»), sondern meist Opern, die an das Repertoire, die Tradition, das klassische Gesangsideal...
Kein Wald, «schattig und ernst, doch nicht düster». Das «Gebiet des Grals», so wie es sich auf der Bühne der Opéra de Lyon darstellt, hat eher was von einer Ödnis. Der Boden, ausgedörrt und durchfurcht, lässt nicht mal andeutungsweise jene «Lichtung» erahnen, von der bei Richard Wagner die Rede ist. Wie ein Lavastrom teilt ein Rinnsal, mal klar, mal blutig, die...
