Der besondere Saft
Es wird viel Blut vergossen. Schon während des Vorspiels. Ein Video zeigt eine weiße Leinwand, in die eine Messerklinge langsam einen Schlitz schneidet, aus dem zäh der ganz besondere Saft tropft. Mit Blut besudelt ist auch Harald B. Thors weißes, an faschistische Machtarchitektur erinnerndes Einheitsbühnenbild, und üppig strömt es stets aus Amfortas’ Wunde. Im dritten Akt wirken die Blutspuren an den Wänden wie ein fein gearbeiteter Fries.
Die weiß gewandeten Gralsritter sehen zunächst aus wie Mitarbeiter der Spurensicherung, dann tragen sie die Käppchen von Burschenschaftlern, später erinnern sie an Freimaurer. Gustav von Aschenbach in Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung stand offensichtlich Pate für Gurnemanz’ noblen Gehrock nebst Goldrandbrille und Spazierstock; Parsifal dagegen wird aus dem auf die Bühne gespiegelten Zuschauerraum als Premierenbesucher unfreiwillig herausgeholt, bevor Kostümbildnerin Tanja Hofmann ihn im Matrosenanzug vorführt. Auch Kundry muss häufig die Kleider wechseln: Militärmantel, giftgrünes 50er-Jahre-Kleid, schwarze Spitze und Cosimas wippender Reifrock (der im Klingsor-Akt auch riesenhaft von der Decke schwebt, bevor die Blumenmädchen drunter ...
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Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Regine Müller
Wer bin ich? «Ich bin die Vielen» – in dieses philosophische Paradoxon soll der Maler Egon Schiele seine künstlerische Persönlichkeit gekleidet haben. Ähnliches hatte ein Anonymus als Graffito an die Berliner Mauer gesprayt: «Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?» Wir lasen dieses Zitat kürzlich in der «Neuen Zürcher Zeitung» – im Zusammenhang mit einem Bericht über...
Es sind weder prominente Sängerinnen und Sänger noch prominente Stücke, die derzeit für Furore sorgen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass das kleine Haus in Gießen Giovanni Pacinis «Maria Tudor» nicht nur wiederentdeckt, sondern auch wirklich bewältigt? Und wer kennt schon die Meisterwerke von Auber, die jetzt in Berlin und Paris fast zeitgleich herauskamen? Bei...
Da kneift man sich diesen ganzen Freiburger «Rigoletto» hindurch: Eine Bühne, die es mit Ligeti, Kagel und Penderecki, mit dem Strauss der «Elektra», jüngst einem hochrespektablen «Lohengrin»und zum wiederholten Mal dem kompletten «Ring»aufnimmt – diese Bühne erlebt beim mittleren Verdi ein Problem nach dem anderen. Vor allem staunt man, wie schwer diese...
