Der babylonische Trümmerbaumeister
«Musik ist alles, was nicht nur Gymnastik ist.» Das Bonmot des Wiener Komponisten und Pianisten Otto M. Zykan mag zunächst nur flapsig klingen, verweist aber auf einen Definitionsnotstand. Denn schon darüber, was überhaupt «Musik» sei, gibt es erhebliche Meinungsdiskrepanzen. Zwischen Mahlers «Sinfonie der Tausend» und John Cages stummem Dreisätzer «4.33» liegen in der Tat unzählige Welten. Ähnlich verhält es sich mit dem «Theater».
Die «moralische Anstalt» des auf seine Klassiker erpichten deutschen Bildungsbürgertums, die außereuropäischen Bühnenkünste und die vielfältigen Gabelungen und Brechungen der Avantgarde hin zu Tanz, Video und Performance lassen sich kaum auf einen Nenner bringen. Insbesondere das Musik-Theater lässt viele herkömmliche Kategorien nutzlos wirken. Dabei lassen sich die traditionellen Komponisten in zwei Gruppen aufteilen: die der «absoluten» Musik und die der Oper zugewandten – Brahms und Verdi etwa. Nur bei Mozart sind beide Sphären gleichwertig ineinander verschlungen, analog zum buddhistischen Yin-Yang-Symbol. Ja mehr noch: Manches Opernfinale («Figaro» 2. Akt) wirkt fast sinfonisch autonom, vieles in der Instrumentalmusik latent, oft eminent ...
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Wer sich auf eine Expedition ins Innere von Chaya Czernowins «Pnima»-Partitur einlässt, stößt erst einmal auf drei eng bedruckte Seiten Spielvorschriften. Gut fünfzig Sonderzeichen und rund zwei Dutzend Kürzel, dazu Erläuterungen zu Dynamik, Lautbildung, Klangfarben und Tonhöhen benötigt die israelische Komponistin, um ihre Klangvorstellungen auf Notenpapier...
«Songs My Mother Taught Me» – der Titel aus den Zigeuner-Melodien von Antonín Dvorák gehört seit Langem zu den Topoi von Primadonnen, die sich scheinbar ganz persönlich und privat an ihre Bewunderer wenden und – im glücklichen Fall – mit einer Kunst verzaubern, die Kunst verbirgt. Es geht dabei um die essenzielle Kunst, eine Melodie zu singen und zum Leben zu...
Schon während der Orchestereinleitung, noch bevor Tatjana das erste Mal den Mund öffnet, beschleicht den Zuschauer die Ahnung, dass das, was er in den folgenden drei Stunden zu sehen bekommen wird, nicht viel mit der Geschichte zu tun hat, die Puschkin in seinem realistisch-satirischen «Roman in Versen» erzählt und die von Tschaikowsky in wissentlichem...
