Denkbilder
Für das immer heikle Ende, den von schlimmstem Des-Dur-Dröhnen begleiteten Einzug der Götter in ihr neues, so teuer erkauftes Heim Walhall, findet Romeo Castellucci, der für Regie, Ausstattung und Licht verantwortlich zeichnet, ein verblüffend einleuchtendes Bild: Wotans Gesellschaft, in weiß wallenden Sektengewändern, tritt nacheinander an ein großes schwarzes Loch in der Bühnenmitte und lässt sich nach kurzer Besinnung rücklings hineinfallen; einfach weg. Keine schlechte Lösung, das Geschehen mutet ohnehin zunehmend kosmisch an.
Es gibt, im ersten Teil des neuen «Ring» an Brüssels Théâtre de la Monnaie, noch andere seltsame Zeremonien zu bestaunen, und manches bleibt einfach rätselhaft: ein schwebender Plastikstuhl, ein kopfloser Buddha, ein krachend vom Himmel stürzendes Riesenkrokodil (als Fafner Fasolt erschlägt, der erste Mord in diesem Krimi), eine bestimmt ausgefuchste Semantik von Schwarz und Weiß, nun gut. Stark auch der Anfang: Noch bevor das epochale Kontra-Es den Beginn von allem und den Anfang vom Ende dieser Welt imaginiert, dreht sich ein Ring wie ein überdimensionierter metallischer Hula-Hoop-Reifen im Halbdunkel, erst langsam, dann scheppernd immer schneller, ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 5
von Holger Noltze
Im späten 19. Jahrhundert hat sich das Orchesterlied vom klavierbegleiteten Sololied getrennt und als eigenständige Gattung etabliert. Das kammermusikalische Lied dagegen ist stets ein subversiver Solitär geblieben, dessen formale Abweichungen sich auf keinen Nenner bringen lassen. Dies belegen drei völlig unterschiedliche Lied-Opern, die Barbara Hannigan und das...
Der Siegeszug der Eisenbahn hat im Musiktheater bemerkenswert schmale Spuren hinterlassen – anders als in der absoluten Musik, man denke nur an Arthur Honeggers «Pacific 231«, ganz zu schweigen von Film und Literatur, wo Bahnhöfe als Orte der Sehnsucht und dramatischer Wendungen spätestens seit Tolstoi gesetzt sind, und von der Pop-Musik, in der (Sonder-)Züge nach...
Zweimal eine Staatstheater-«Carmen» im Abstand von 170 Kilometern Luftlinie, zwei ehrgeizige Ansätze: der eine spektakulärer, der andere näher dran. Beide Abende, so unterschiedlich sie sind, blenden das Thema Tod so weit aus, wie es möglich ist, wenn in einer Oper alles auf den Tod hinausläuft. Und weder da noch dort, das ist konsequent, wird es auch nur für einen...
