Den Musen näher als Merkur

Seit Langem steht die Oper Frankfurt für das produktive Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Innovation, somit auch für die Abkehr vom leidigen Starprinzip

Als Wolfgang Amadeus Mozart 1790 zur Kaiser-Krönung Leopolds II. nach Frankfurt reiste, erhoffte er sich über die Anerkennung hinaus auch finanziellen Gewinn, doch das Ergebnis war «in betreff des Geldes mager». Und Mozart, der immerhin die Klavierkonzerte KV 459 und 573 gespielt hatte, reagierte verärgert: «Übrigens sind die Leute hier noch mehr Pfennigfuchser als in Wien.» Seitdem hat Frankfurt den Ruf, «mehr die Stadt Merkurs als der Musen» zu sein, nicht völlig verloren. 90 Jahre später sah die Sache ganz anders aus. Kaiser Wilhelm I.

, 1880 eigens zur Eröffnung des Opernhauses (seit 1980 Konzerthaus Alte Oper) an den Main gekommen, meinte fast resigniert: «Das könnte ich mir in Berlin nicht erlauben.» Bürgerstolz stach höfischen Glanz aus. Dabei hätte es nahegelegen, das Prunkstück des architektonischen Historismus zum Tempel eines repräsentativen Traditionalismus zu machen. Doch ab der Jahrhundertwende zog die Moderne ein: mit Ur- und Erstaufführungen von Schreker, Hindemith, Schönberg und George Antheil, auch Debussy und Paul Dukas. 1933 brach diese Tradition ab.

Die Schatten der Vergangenheit freilich wirken weiter, sogar in dialektischer Weise: Kreise der CDU proklamierten ...

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Opernwelt Jahrbuch 2020
Rubrik: Opernhaus des Jahres, Seite 8
von Gerhard R. Koch