«Dass wissend werde ein Weib»
Der Beginn gehört Brünnhilde allein. Leise, auf Zehenspitzen stiehlt sie sich im Dunkel der Nacht zwischen den vier turmhohen, fast schon leer geräumten Regalen einer in Auflösung begriffenen Bibliothek hindurch und beginnt zu lesen, noch bevor im Orchestergraben die Tiefen des Rheins überhaupt zu sprudeln beginnen und der urzeitliche Mahlstrom die ersten Leitmotive menschlichen Seins ans Licht spült.
«Dass wissend werde ein Weib» – der in einem Halbsatz des Schlussgesangs eher unauffällig eingestandene Erkenntnisprozess Brünnhildes ist der dramaturgische Angelpunkt des neuen, jetzt erstmals komplett gezeigten «Rings» an Kopenhagens Opernhaus. Das Publikum sieht über vier Abende lang das, was Brünnhilde lesend erfährt: die Entwicklung der Menschheit von den Goldenen Zwanzigern des «Rheingolds» über die Tristesse der vierziger Jahre in der «Walküre» und die jugendrebellischen Siebziger im «Siegfried» bis in die unmittelbare Gegenwart der «Götterdämmerung».
Die kurze Eingangsszene ist Teil einer mächtigen sinnstiftenden Klammer um die gesamte Tetralogie: Nach Siegfrieds Tod kehren Kopenhagens Opernchef Kasper Bech Holten und sein Dramaturg Hendrik Engelbrecht wieder zu ihrer ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ohne finstere Gesellen wäre der Opernalltag wohl eine ziemlich fade Angelegenheit. Oft wird es, zumal sängerisch, erst richtig interessant, wenn jemand Rache schwört, den Dolch zückt oder über Leichen geht. Je schlechter die Übeltäter desto besser die Musik, lautet die Faustregel. Doch was kann die Tonkunst ausrichten, wenn es auf der Bühne um monströse Gestalten...
Frau Gallardo-Domas, Sie haben Ihr Debüt 1990 als Butterfly in Santiago de Chile gegeben. Butterfly gilt als «Killerpartie»: das Gegenteil einer klassischen Anfängerinnenrolle. Haben Sie einmal gedacht, dass Sie Ihre Karriere vielleicht nicht unbedingt mit einem so schweren Kaliber hätten beginnen sollen?
Damals habe ich nicht wirklich gedacht. Es ist einfach so...
Bürgt der Volkston in den «Wunderhorn»-Texten für eine leichtere Umsetzung in Musik?
H. R.: Ja, denn er bietet dem Komponisten mehr Raum als ein Gedicht aus der Kunstlyrik, das in sich viel strenger gefügt ist. Beim «Wunderhorn» haben wir diese Sprünge, die die Texte machen, bei denen also, verglichen mit ihren Vorlagen, manchmal ganze Strophen ausgelassen werden,...
