Geschlossene Gesellschaft

Cottbus, Mozart: Die Zauberflöte

Opernwelt - Logo

Das Cottbuser Staatstheater hat sich unlängst einen Deus ex machina zugelegt – er hört auf den Namen Tamino. Gleich nach der Ouvertüre fällt er, ein Bruchpilot mit ledernem Fliegerkäppi, vom glühbirnenflammenden Bühnenhimmel, um eine in ramponierten Beziehungskisten erstarrte Kommune aufzumischen, die man eher bei Beckett oder in der Rocky Horror Picture Show als im «Zauberflöten»-Kosmos Schikaneders und Mozarts vermuten würde.

Zum Zeitpunkt des Absturzes ist das schräge WG-Personal bereits vollzählig versammelt, stumm lungert es auf dem Sofa, auf dem Teppich und an der Wand lang, bisweilen von der vagen Hoffnung vitalisiert, irgendein Prinz oder irgendein «Event» werde es irgendwann aus dem enervierenden Stupor befreien. Doch bis Tamino endlich seinen erlösenden c-moll-Notruf «Zu Hilfe! Zu Hilfe!» absetzen darf, ­herrscht nervtötendes Schweigen.
Das sollte nicht die einzige Kunstpause einer Inszenierung bleiben, die sich keinen Deut um Isis und Osiris, um hehre Freimaurer-Mystik und feierliches Humanitäts-Pathos, ja nicht einmal um die Vorstadtschmierenkomik der Papageno-Sphäre schert, vielmehr den emotionalen Treibstoff, die Menschwerdung verkrachter Bürgerexistenzen in den Blick ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2006
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Verführung, Buße, Psychose

Wer ist der Gral? Ein Stein, eine Schale, ein Kelch? Oder gar eine Frau, wie ­Peter Konwitschny 1995 in München meinte, mit Kundry als Madonna und Tauben im Rosenhag? Dies wird auch von «Sakrileg», dem derzeit vielleicht meistgelesenen Buch, kolportiert. Und schon 1190 legte der erste «Perceval»-Dichter Chrétien de Troyes diese Idee nahe, indem er einem Knaben den...

Unter Prolos

Offensichtlich macht es dem Kölner Opernchor unbändig Spaß, einmal so richtig die (Rampen-)Sau rauszulassen – und über grünen Bierkästen aus Plastik eine virtuose Summ-, Stöhn-, Würg- und Kotznummer darzubieten. In den einhundertzehn pausenlosen Minuten von Jan Müller-Wielands neuester Oper ist das ein einsamer Höhepunkt, erzkomisch in jeder Hinsicht und...

Ohne Rührseligkeit

So gefühlvoll wurde die Kernbotschaft der Bergpredigt nie wieder in Musik gesetzt: «Selig sind, die Verfolgung leiden» brachte es in der Vertonung Wilhelm Kienzls sogar zu Wunschkonzertreife. Doch hüte man sich vor Häme. Denn Kienzls Opernerstling «Der Evangelimann» (1895) kann, wenn er sensibel und unsentimental musiziert und inszeniert wird wie in dieser neuen...