Das Zauberwort heißt Mischkalkulation
Die Welt, auch die der Oper, ist ungerecht. Während man den Großen stets, und sei es auch noch so kritisch, huldigt, führen die Kleinen meist ein Dasein im Schatten, sprich: Man bemerkt sie kaum. Doch gerade in den Darstellenden Künsten und hier insbesondere in der Oper liegt der große Gewinn in der Vielfalt. Und was das angeht, schauen die benachbarten Länder sehnsuchtsvoll nach Deutschland. Es ist dies nach wie vor das Land mit der größten Theaterdichte weltweit. Und das berühmte deutsche Stadttheater gewissermaßen das Fundament dieses Reichtums. Diesen vor Ort in Augenschein zu nehmen, ist Anlass und Impuls für die Serie «Opernwelt auf Landpartie», in der wir in loser Folge und von A bis Z die kleineren Häuser porträtieren.
Es ist ein weiter Weg vom Westen der Republik bis nach Görlitz. Los geht es am frühen Morgen, vier Umstiege sind nötig mit der Deutschen Bahn, die Strecke führt über Frankfurt am Main und Leipzig nach Dresden-Neustadt. Den letzten Teil der Reise überwindet eine überfüllte Regionalbahn, sie braucht weitere 90 Minuten bis nach Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands und zugleich größten der Oberlausitz. Die meisten Haltestellen sind hier sogenannte Bedarfshaltestellen, das Bähnchen passiert dünn besiedelte, liebliche, sanft gewellte Landstriche.
Nach mehr als acht Stunden ist es geschafft, alle Anschlüsse haben funktioniert, Glück gehabt! Da man beim öffentlichen Verkehr aber bekanntlich nicht auf Glück setzen sollte, wäre eine Anreise erst am Aufführungstag zu riskant gewesen. So bleibt am Vortag der Vorstellung von «La Bohème» Zeit zum Akklimatisieren, für Spaziergänge und Gespräche.
Zu Fuß geht es vom schmucken Jugendstilbahnhof ins Stadtzentrum. Erster Eindruck: Wo sind die Menschen? Das Wetter ist freundlich, aber die Einkaufsstraßen und Flaniermeilen sind kaum belebt. Die Stimmung wirkt seltsam gedämpft, es gibt Leerstände, in Bahnhofsnähe Dönerbuden und Barbershops, im ...
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Opernwelt Februar 2025
Rubrik: Reportage, Seite 48
von Regine Müller
Der König ist geschlagen. Auf die Knie gezwungen. Gedemütigt von der Dame, die keine Dame ist, sondern – das Duett des zweiten Akts zwischen Tochter und Vater (das einzige im gesamten Stück) ist musikalischer Beweis genug – ein machthungriges Monster. Nun sitzt er da auf einem Stuhl, einen Strick mit Halsschlinge über und ein Schild mit der Aufschrift «Non son più...
Alexander Puschkin ist gerade mal 31 Lenze alt, da schreibt er ein Gedicht, das in seiner gedankenschweren Melancholie klingt wie der Abschiedsgruß eines Lebensmüden. «Der irren Jahre längst vergangene Lust / Liegt lastend wie ein Rausch auf meiner Brust. / Doch wird, wie Wein, der Schmerz, den ich erfahren, / Nur stärker noch und schwerer mit den Jahren. / Mein...
Dass die vom Genre der Opéra-bouffe vorgesehene Rettung des Paares aus aussichtsloser Einkerkerung gelingt, liegt an einem alten Gefangenen, der sich seit zwölf Jahren mit einem Messerchen einen Tunnel in die Freiheit gräbt: Im genau richtigen Moment hat er sich nun in die Zelle der Périchole und ihres Piquillo durchgewühlt. Es fehlten, sagt er, bloß noch zwölf...
